Geschichte zwischen Wendepunkten: Goldmacher

Gibt es noch den großen Familienroman, der eingebettet in zeitliche Koordinaten anhand persönlicher Lebensläufe Geschichte nachvollziehbar macht? Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet ja.
„Goldmacher” von Gisela Stelly ist so ein Roman. Kurz nach der Wirtschaftskrise werden 1924 Anton und Franz geboren. Anton Bluhm erblickt in Hannover das Licht der Welt. Er ist Sohn eines Papiermachers, der pleite geht. Franz Münzer kommt in München zur Welt. Sein Vater ist Bankier, interessiert sich für Okkultismus und das Wunderliche. Hier kommt die erste zeitgeschichtliche Komponente ins Spiel: Der Okkultismus und das (vermeintliche) Geheimwissen, im Dritten Reich vor allem von Heinrich Himmler gepflegt. Die Nazis waren auch geblendet und verführt von der Alchemie. Bei Starnberg wurde mit der industriellen Produktion von Gold experimentiert. Es liest Gisela Stelly:

Gold. Nach Dichte und Gewicht bestimmt.
Vater Bluhm zeichnet begeistert Anteile, will er doch auch zu den Karrieristen und Gewinnlern gehören. Fatale Folge: Seine Papierfabrik geht pleite. Schon seit längerer Zeit musste er Aufträgen und zahlungssäumigen Kunden hinterherfahren. Goldmacher ist ein fein gewobener Roman, der fünf Jahre brauchte, um zu entstehen, wie Gisela Stelly im Interview erzählt. Ist sie selber technikgläubig?

Zurück zum Roman. Während Franz von seinem Vater in die Obhut eines Erziehers gegeben wird, der ihm die Liebe zu Geheimwissen anzuerziehen versucht, macht Anton mit zehn Jahren ganz andere sinnliche Erfahrungen. Es liest Hildegard Schmahl, Ensemblemitglied an den Kammerspielen:

In der Hitlerjugend lernen sich Franz und Anton kennen. Franz, der an Wunderwaffen glaubt und daran, dass der Endsieg die Opfer rechtfertigt. Und Anton, der das Buch „Moby Dick” von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekam. Ein Buch, das im Dritten Reich verboten war. Hier beginnt das Ringen der beiden Geister, des hörigen und des aufklärerischen.
In einer Zwischenblende erfahren wir, was aus dem Goldmacher vom Starnberger See geworden ist. Nazischergen haben ihn privilegiert mit Leidensgenossen interniert, er soll Geld statt Gold machen. Wenn er genügend Geld produziert hat, das der Feind nicht als Fälschung entlarvt, verspricht ihm der SS-Lagerkommandant die Freiheit. Friedrich glaubt nicht daran. Missgeschicklich verschüttet er eine wichtige Mixtur zur herstellung des Falschgeldes und wird von einem Bewacher getötet. Die Protagonisten des Romans erleben Krieg, Elend, Gefangenschaft, den Wiederaufbau Deutschlands, heiraten, situieren sich. Franz immer noch revisionistisch angelegt, Anton als Aufklärer. Und doch: Immer einander verbunden und durchaus zugetan. Sie verbringen einen gemeinsamen Urlaub in Rom. Der folgende Ausschnitt, den wieder Hildegard Schmahl liest, spielt weit nach Mitternacht bei Gin Fizz und zeigt die Meinungsführerschaft von Anton Bluhm:

Anton Bluhm steigt in den Nachkriegsjahren zu einem der bedeutendsten Blattmacher Deutschlands auf. Und hier wird die Familiengeschichte greifbar. Gisela Stelly verriet mir im Interview etwas:

Wer sich biografische Details oder intimere Erkenntnisse über Rudolf Augstein erwartet, wird von diesem Buch nicht bedient. Es ist der große Roman, der anhand biografischer Anlehnungen Geschichte erfahrbar macht. Geschichte zwischen zwei Wendepunkten, der Wirtschaftskrise der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts und dem Attentat auf das World Trade Center 2001. Unbedingt zu lesen. Für mich steht der Roman ebenbürtig neben Heinrich Manns „Der Untertan”, an den mich einige Szenen erinnerten. „Goldmacher” ist ein dynastisch angelegter Roman. Und damit, wie Silke Behl von Radio Bremen das einordnet, auch in einer Reihe mit Thomas Manns „Buddenbrooks” zu sehen.

Goldmacher ist erschienen bei Arche, 415 Seiten, 24,95 Euro.
Wenn Sie in München und Umgebung wohnen, können Sie den Roman bei der Buchhandlung Literatur Moths online bestellen und das beim Abholen mit einem Besuch dieses Kleinods verbinden. Und sich auch gerne als Teilnehmer für eine Lesung vormerken lassen.
Zur Homepage von Gisela Stelly gelangen Sie hier.
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Disclaimer: Ich stehe in keinerlei abhängiger Beziehung zur Buchhandlung Literatur Moths. Mein Exemplar des Romans Goldmacher habe ich dort erworben und an der Lesung teilgenommen. Ich schätze das Ambiente der Buchhandlung, die Betreiberinnen und das Engagement, Literatur erlebbar zu machen.
Mein besonderer Dank gilt der Buchhandlung Literatur Moths und Hildegard Schmahl, die mir ohne Zögern und Einwände gestattete, aus ihrer wunderbaren Lesung zu publizieren.

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In der Kategorie Kultur, Literarisches am 21.10.12 um 16:23 Uhr veröffentlicht.
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