Bislang habe ich geschwiegen.
Ich konnte mir keine Meinung zum „Beschneidungs-Urteil” bilden.
Einerseits, und das gebe ich gerne zu, weil ich selber ziemlich stark an diesem Stückchen Vorhaut hänge und es mich graust bei dem Gedanken, es zu verlieren. Ich habe versucht, im Verlauf der Debatte mir ein Video zur Beschneidung anzuschauen, das im Netz zu finden ist. Und es hat mich bis ins Mark erschüttert, wie der kleine Bub schrie. Mir das am eigenen Körper vorzustellen: Nicht auszudenken.
Andererseits: Religion hat mit Riten zu tun. Sei es, dass das Taufwasser über den Täufling gegossen wird oder eine Vorhaut entfernt wird.
Ich bin kein Religionswissenschaftler. Ich bin kein Theologe.
Ja, ich frage mich sogar, ob Eltern bestimmen dürfen, ob ein Kind getauft und/oder beschnitten werden darf.
Und je länger ich drüber nachdenke, sage ich JA.
Ich begründe das mit der Entscheidung der Eltern, ihrem Kind eine religiöse Erziehung angedeihen zu lassen. Im Umkehrschluss heißt das natürlich auch, dass ich von den Eltern fordere, ihre Kinder im Glaubensleben zu unterrichten und ihnen Beispiel zu sein.
Und JA, ich sehe, dass viele Eltern das nicht machen, gerade im katholischen Sektor.
Wie das bei Juden und Muslimen aussieht, entzieht sich meiner Kenntnis.
Und NEIN, wenn ich Vater wäre, würde ich sehr lange zaudern, meinem Jungen die Vorhaut entfernen zu lassen.
An dieser Stelle muss ich etwas plakativer werden.
Nach meiner Geburt erlitt ich einen Leisten-Hoden-Bruch. Folge dessen ist, dass mein rechter Hoden verkrüppelt ist.
Ich bin meiner Mutter bis heute dankbar, dass sie auf den Arzt hörte, der mich in den Folgejahren bis zur Pubertät untersuchte. Ich muss so 12 Jahre alt gewesen sein, da sagte dieser Arzt in Traunstein zu mir: „Heinz, wenn jemand da unten an Dir rumschnippeln will, dann nimm ihm das Messer aus der Hand und wehre Dich.”
Aus diesem Verständnis heraus verstehe ich die Gegner der Beschneidungsdebatte.
So viele Anrisse, so viele Lemmata.
Ja und Nein, ich weiß mir keinen Rat.
Und schreien nach dem Gesetzgeber kann ich auch nicht. Ich halte die Legislative, Judikative und Exekutive in diesem Land nicht für berufen (und fähig!), das Problem einer Rechtssicherheit bei der Beschneidung herbeizuführen. Faktum.
Sicher geht Kindeswohl vor.
Aber WAS ist das Wohl eines Kindes?
Ich weiß es nicht.
Aber:
Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand Anzeige gegen einen Beschneider erstattet.
:-( RT @jbenno die Jagd auf Juden ist eröffnet. Anzeige gegen Rabbiner wegen Beschneidung: juedische-allgemeine.de/article/view/i… @juedischeonline
— Heinrich R. Bruns (@hrbruns) August 21, 2012
Die Anzeige hat nicht dazu beigetragen, die Situation zu entspannen und nach einem Konsens zu suchen.
Und ja, ich stimme in der Tendenz mit @jbenno überein: Die Hatz geht los.
Nicht, weil ein Jurist oder besorgter, unbescholtener Bürger Strafanzeige gestellt hat.
Wie viele Nazis werden sich daran ergötzen und mit weiteren Anzeigen provozieren und jüdisches Leben zu zerstören versuchen?
Abseits von dieser Beschneidungsdebatte ist das meine Befürchtung.
Und ich hoffe, dass wir alle in einem Konsens eine Lösung finden können, die dem Kindeswohl gerecht wird und moslemisches und jüdisches Leben in Deutschland schützt.
Das ist der Spagat.
Ich habe Angst, dass sich an der Vorhaut ein neues Pogrom entzündet.
Es fangt genauso an …
Leider habe ich das Original von S.T.S nicht im Netz gefunden. Aber hören Sie einfach auf den Text.
Ich werde keine Kommentare zu diesem Post veröffentlichen, um Nazis keine Chance zu geben. Aber: Ich stelle mich der Diskussion. Wo immer Sie mich finden.
Nachtrag: Rechtsanwalt Thomas Stadler hat mich auf den problematischen Verweis mit der Taufe hingewiesen.
Ich sehe diesen selbst. Unter uns Erwachsenen: So a bisserl koids Wasser schad’ ned. (Perdon für die Flapsigkeit.)
Mir ging es um den Hinweis auf religiöse Rituale.
Wenn ich einen Bund eingehe, dann hat dieser Rituale.
Sei es als Katholik mit der Taufe, sei es als Moslem oder Jude mit der Beschneidung.
Oder sei es als Soldat mit dem Gelöbnis/Eid.
Ich stimme dir zu, dass die religiöse Erziehung das Recht der Eltern ist. Wenn diese Erziehung allerdings Elemente beinhaltet, die mit unserem höher zu bewertenden Recht kollidiert, muss klar der religiöse Ritus zurückstehen. Wir leben nicht in einem Zeitalter der Religionen, sondern in einer der Aufklärung verpflichteten Epoche.
Religionen oder auch andere Riten finden ihre Begrenzung in den Grundlagen unseren Gesetze. Die Beschneidung ist sowohl in juristischen als auch besonders in kindermedizinischen Kreisen schon länger in der Diskussion. Derjenige, der die Anzeige gegen den Rabbi gestellt hat, ist auch einer der Wissenschaftler, die gegen die Beschneidung einen öffentlichen Brief an die Kanzlerin und das Parlament geschrieben haben.
Da – zum wiederholten Male – die Politik Gesetze verabschieden will, die gegen unser Grundgesetz verstossen, muss dies gerichtlich, sprich in letzter Konsequenz am BVerfG geklärt werden. Dies ist schade, aber eher in der Hinsicht, dass unser Parlament augenscheinlich keine Gesetzgebende Kompetenz mehr besitzt und reihenweise an die Grundlagen ihres Handelns erinnert werden muss.
Ich finde es auch beschämend, wie schnell hier in einer durchaus sachlichen Diskussion von einigen vermeintlichen Gutmenschen die “Judenjagd”-Karte und ähnliches gezogen wird. Dies dient nicht einem Diskurs, der die Frage beantworten muss, ob ein jahrtausende altes Ritual endlich Geschichte wird oder weiterhin nicht selbst entscheidungsfähige Menschen aka Babies einer Körperverletzung aus religiösen Gründen unterzogen werden.
(Am meisten irritiert mich die Selbstverständlichkeit, mit der einige “argumentieren”, die Beschneidung würde doch seit 4000 Jahren gemacht, da müsse man jetzt nicht mit aufhören. Mit der Hexenverbrennung haben wir auch erst nach 3750 Jahren Schluß gemacht und das war auch gut so).
Als aufgeklärter Mensch kann man durchaus zwischen einem notwendigen Diskurs über die Körperverletzung an Kindern und einem völlig irrationalen Hass (Vorurteile etc.) gegen eine bestimmte Religion oder Bevölkerungsgruppe unterscheiden.
Genausowenig, wie man Angst vor radikalen Feinden haben sollte, sollte man sich nicht vor vermeintlichen, aber falschen Freunden fürchten. Ich lasse mich in meiner Überzeugung, dass hier Recht für Kinder gesprochen werden soll, nicht vereinnahmen, Weder von der einen noch von der anderen Seite. Wer solcher Angst stattgibt, lässt sich mehr von denen lenken, die Hass säen wollen, als er sich selbst bewusst ist.
Beschneidung ist ein Überbleibsel aus einer unaufgeklärten Zeit. Moderne Juden wissen dies und haben mit Brit Shalom längst eine zivilisierte Methode gefunden, um den Neugeborenen im Kreis der Gläubigen aufzunehmen. Die aufgeklärten Kreise sollten zusammenstehen in Entscheidungen über unser Zusammenleben.
> Wenn ich einen Bund eingehe, dann hat dieser Rituale.
Solange diese Rituale nur Dich betreffen, ist das auch kein Problem. Aber über die irreversible Verstümmelung des Körpers sollte der Neugeborene entscheiden, wenn er alt genug für eine solche Entscheidung ist.
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