Deutschlandradio Kultur geht einen weiteren Schritt aufs Publikum zu. Im Scharfrichterhaus Passau wurde das Hörspiel “Kreuzeder und der Tote im Wald” vorgestellt. Zu Beginn las Sigi Zimmerschied aus dem Roman von Jörg Graser, dann wurde das Hörspiel eingespielt. Der Ort könnte passender nicht sein: Das Scharfrichterhaus diente im Mittelalter als Gefängnis und ist heute berühmt für seine künstlerisch-kabarettistischen Produktionen und Gastspiele.
Der Kriminalrat Franz Kreuzeder ist das, was man bei uns in Bayern an wuiden Hund nennt. Kreuzeder wird von der Polizeipsychologin als Alkoholiker charakterisiert. Sie selber muss den über die Jahre weniger diensteifrig gewordenen Kriminalrat zum Fundort einer Leiche im Wald fahren. In dieser Szene, die als Exposé des Hörspiels dienen mag, wird deutlich: Kreuzeder hat keine Lust, sich das Leben durch eine Leiche, die nahe der deutsch-tschechischen Grenze gefunden wird, versauen zu lassen. Und schon gar nicht am hochheiligen Sonntag, an dem dieser skurrile Kriminaler mittags noch rauschig im Bett liegt. Die Figuren und Situationen sind nicht klischeehaft beschrieben, so, wie sich der „Preiss” das Dolce Vita in Bayern vorstellen mag. Man merkt Jörg Graser als Autor die Menschenkenntnis und die feine Beobachtung an. Leicht überspitzt, um die Besonderheiten seiner Protagonisten heraus zu arbeiten, aber nie platt.
Bei „Kreuzeder” gab es zuerst die Hörspiele. Aus diesen entstand dann der Roman „Weißbier im Blut”. Dem halbstündigen Ausschnitt nach, den Sigi Zimmerschied im Scharfrichterhaus las, ist das gut gelungen. Zur Hinführung auf das Hörspiel, das eingespielt wurde, war es nicht nur amüsant, Zimmerschied zu hören, sondern ihn auch gestikulierend, durch alle Stimmlagen und Charaktere chargierend zu sehen. Der Kabarettist Zimmerschied liest aus dem Roman, er ist Kreuzeder (den er im Hörspiel verkörpert) in Personalunion mit der Polizeipsychologin (im Hörspiel ist das Luise Kinseher, die krankheitsbedingt leider in Passau fehlte) – und dem Pfarrer. Wer die Geschichte des Kabarettisten Zimmerschied einigermaßen kennt, weiß, dass es ihm Genuss ist, diese Welten aufeinander prallen zu lassen. Freilich: Die Personen sind überzeichnet, karikiert.
Doch: Es sind Figuren, die in der Abgeschiedenheit des Bayerischen Waldes und seiner Ausläufer so oder so ähnlich vorkommen mögen. Was bitte nicht als Schelte am „Woidler” (= Wäldler, Bewohner des Bayerischen Waldes) aufgefasst werden möge. In anderen Spielarten kennen wir die Eigenheiten der Allgäuer oder Oberbayern. Plakativ, doch nicht böse überzeichnet, kommen die Protagonisten bei „Kreuzeder” daher.
Torsten Enders (rechts im Bild) ist Hörspielredakteur bei DKultur und verantwortlicher Dramaturg und Redakteur für das Kriminalhörspiel. Er beschreibt die Figur des Kreuzeders:
Die Produktion im modernen Studio von DKultur dauert 10 bis 14 Tage, die Hälfte davon entfällt auf Schnitt, Abmischung und Postproduktion. Für Torsten Enders lohnt sich das. DKultur ist in Berlin oft im „Frannz” zu Gast. Neu hingegen ist für ihn die Reise mit ausgewählten Produktionen durchs Land. Der Dramaturg erlebt immer wieder, wie sich bei Live-Aufführungen das Publikum hineinziehen lasse in die Atmosphäre:
In der Diskussion nach dem Hörspiel erörterte Sigi Zimmerschied, dass das Format Hörspiel Potential habe, soziale Themen zu transportieren, besser vielleicht, als eine Dokumentation:
Aus rechtlichen Gründen kann das Hörspiel und die Lesung des Romans leider (noch) nicht wiedergegeben werden.
Mit freundlicher Genehmigung von Deutschlandradio Kultur darf ich die Diskussionsrunde zum Download anbieten. Für die mp3-Version / ogg-vorbis-Version mit der rechten Maustaste auf die vorstehenden Links klicken und ‘Datei speichern (unter)’ wählen. Es moderiert Jürgen-M. Edelmann von DKultur.
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Weiterführende Informationen:
DKultur bietet am Montagabend um 21.33 Uhr das Kriminalhörspiel, Mittwochabend um 21.33 Uhr Hörspiel allgemein, Sonntag von 18.30 bis 20.00 Uhr ist großer Hörspieltermin mit Hörspielen nach Theaterstücken und Romanen. Nachts um 00.05 Uhr gibt es das Freispiel, künstlerische Feature und die Klangkunst.
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Bibliographische Angaben zum Roman „Weißbier im Blut” von Jörg Graser:
216 Seiten, ISBN: 978-3-7844-3301-1, 14,99 Euro (D), erschienen bei LangenMüller
Deutschlandradio Kultur kommt nach Passau. Im Gepäck: Die Aufführung des Hörspiels „Kreuzeder und der Tote im Wald”.
Das Hörspiel ist als Ursendung bereits 2011 in Deutschlandradio Kultur gelaufen. Und doch verspricht der Abend ein Highlight zu werden. Im Hörspiel sprechen unter anderem Sigi Zimmerschied und Luise Kinseher. Vor der Hörspiel-Aufführung liest Sigi Zimmerschied aus dem Roman „Weißbier im Blut”. Dieser Roman ist aus den drei Hörspielvorlagen des Kreuzeders entstanden. Im Anschluss stehen Luise Kinseher und Sigi Zimmerschied, sowie der Autor des Stückes, Jörg Graser, und Torsten Enders, Redakteur von D-Radio Kultur, für ein Gespräch zur Verfügung. Moderiert wird das Gespräch von Jürgen-M. Edelmann.
Mein Twitter-Kollege Jürgen-M. Edelmann hat mich eingeladen, diesen Abend zu begleiten. Also, ich packe schon mal Kamera, Zoom H4n, Rechner und diverse Kleinteile ein und hoffe, dass ich aus dem Scharfrichterhaus berichten kann (wenn Funknetz vorhanden, auch via Twitter!). Ansonsten hat mein Hotel WLAN und den ausführlichen Nachbericht sollte es dann in diesem Blog geben.
Zum Inhalt des Hörspiels: Polizeipsychologin März, gespielt von Luise Kinseher, informiert Kriminalrat Kreuzeder, dass nahe der tschechischen Grenze eine Leiche gefunden wurde. Kreuzeder mag sich am Sonntag nicht mit einem Mord befassen. Außerdem leidet er mal wieder an den Auswirkungen eines Alkoholrausches. Um den Fall nicht bearbeiten zu müssen, schleppt er den Toten über die Grenze nach Tschechien. Doch das hilft ihm nicht. Die tschechische Polizei bittet prompt um Amtshilfe, denn Spuren führen nach Deutschland. Der Tote, Max Krobel, wurde mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Er war Hausmeister einer Schule und wenig beliebt. Die Art und Weise, wie er ums Leben kam, spricht für einen Auftragsmord. Potential für einen spannenden Abend ist also gegeben.
Ich habe die Ursendung nicht gehört und werde mich in Passau einfangen lassen von der Atmosphäre und hoffe auf gute Gespräche mit allen Beteiligten. Jedenfalls freue ich mich, dass Deutschlandradio Kultur diesen Weg beschreitet.
Nachgeliefert der Termin. Den hatte ich glatt vergessen. 11.12.2012, 20 Uhr, Scharfrichterhaus in Passau.
… Klaus Hoffmann schreibt aus seinem Leben: Hoffmann, Liedermacher und Schauspieler, hat seine Autobiografie vorgelegt. Autobiografie ist übertrieben. Hoffmann erzählt. Klaus macht also, was er am besten kann. Hoffmann erzählt Hoffmanns Erzählungen.
1979 habe ich mir die erste Hoffmann-Platte gekauft: Westend.
Blende.
Es ist Mitte der 90er Jahre. Klaus Hoffmann hat mich über all die Jahre mit seiner Musik begleitet.
Ich sitze in einem Hörfunk-Studio, den Traum des Radio-Redakteurs habe ich mir erfüllt. Neben dem alltäglichen, politischen Geschäft will ich mir was Eigenes aufbauen. Neben der täglichen Politik in einem solchen Betrieb will ich was Besonderes setzen. Das Radio gibt mir eine Möglichkeit. Ich kann auf Radio-Ticket zu Veranstaltungen gehen, die ich als Privat-Mensch teuer bezahlt hätte. Ich sitze da, habe ein paar Fragen vorbereitet und das Interview geht in eine ganz andere Richtung. Es war ein wundervolles Interview. Aus den besten Passagen und den Songs von Klaus Hoffmann habe ich eine Sendung gebastelt. Und manchmal möchte ich mich dafür ohrfeigen, dass ich diese Sendung irgendwann aus meinem Archiv geworfen habe.
Als ich das Radiomachen aufhörte, habe ich lange Jahre weder Klaus noch seine Kollegen gehört.
Klaus Hoffmann hatte in den 90ern bei seinen Konzerten ein Alter Ego, von dem er erzählte. Lachmann. Dieser Lachmann machte eine Ausbildung und erlebte, naja, sagen wir mal, seltsame bis komische Dinge in seiner Kindheit und Jugend.
Der erste Roman von Klaus, den ich gelesen habe, war „Afghana”. Erinnerungen an diese phantastische Reise, bei der Hoffmanns Alter Ego, Lachmann nach der Lehre mit dem von seinem Stiefvater geschenkten Käfer und seinem Kumpel bis Afghanistan reist. Ohne von dem nun vorliegenden Werk ablenken zu wollen: Lesenswert. Und die Bühnenprogramme: Hörenswert.
Warum?
Der Grund ist simpel, aber bestechend: Klaus Hoffmann reißt in „Als wenn es gar nichts wär…” die Schauspieler-Maske manchmal schonungslos runter. Man merkt, dass der Lachmann der frühen Bühnenjahre doch niemand anders als er selbst war. Damals überspitzt, pointiert, heute abgeklärt. Der Wendepunkt dieser Entwicklung mag seine Auseinandersetzung mit Jacques Brel gewesen sein. Brel war einer der Väter dieses Klaus Hoffmann, er war der Übervater. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Hoffmann ein One-Man-Musical auf die Bühne des Schiller-Theaters gehievt. Musikalisch war das ein Befreiungsschlag. Spätestens, seit er Malene geheiratet hat, singt er nicht mehr so trauriges Zeugs, wie er selber in einem späteren Tourprogramm zugibt. Das Buch von Klaus Hoffmann erzählt in einzelnen Kapiteln, mit vielen Blenden seinen Werdegang. Seine Zweifel, seine Hoffnungen, seine Erlebnisse. Mir waren viele Erlebnisse neu. Zugegeben: Ich habe Klaus Hoffmann immer mehr, fast ausschließlich, als Chansonnier wahrgenommen. Der Schauspieler war mir nie präsent. Wohl auch deshalb, weil ich damals zu jung war und die Filme heute wohl nicht mehr im Fernsehen kommen.
Atmosphärisch dicht zeichnet Hoffmann seine Stationen nach. Erzählt aus der wilden Zeit, als er seine Schauspielausbildung machte, aus dem Leben auf Tour. Aus der Zeit als behütetes Kind, aus der Zeit, als er gesetzter wurde. Und doch: Am Ende des Buches weiß man, dass dieser Hoffmann nicht gesetzt ist. Da mag auch dazu beitragen haben, dass er irgendwann seiner Plattenfirma „Adé” sagte und sein Unternehmen „stille – musik” auf eigene Beine stellte, sich selbst produzierte.
Sie merken, dass ich den Literaten Hoffmann kaum vom Klaus Hoffmann, Chansonnier, trennen kann. Oder anders gesagt:
Für echte Hoffmann-Fans ist das Buch ein Muss. Für diejenigen, die Hoffmann noch nicht so richtig kennen, ist das Buch ein interessanter Einstieg in den Kosmos (von) Klaus Hoffmann.
Wenn Sie nun nicht zu dieser Klaus-Hoffmann-Liedermacher-Fraktion gehören, aber dennoch Lust haben, sich verführen zu lassen – und vielleicht über das Buch zur Musik kommen wollen, dann empfehle ich dieses Buch. Es ist eines dieser Werke, die ich an beliebiger Stelle aufschlagen kann und einfach weiter lese.
Ja, und ich weiß, dass ich als Rezensent eines Buches heute kläglich versagt habe. Aber Klaus Hoffmann ist mehr als dieses Buch, mehr als alle Bücher, mehr als alle Lieder. Er ist Getriebener. Für mich war er immer Wegbegleiter. Und deswegen lese ich aus seinem leben so gerne. Hoffmann macht Mut, sich auf eigene Beine zu stellen, seinen Weg zu gehen. Vielleicht lese ich dieses Buch deshalb so gerne, weil ich reflektieren kann.
Bibliographische Angaben:
Klaus Hoffmann – Als wenn es gar nichts wär – Aus meinem Leben
Gebundene Ausgabe, 368 Seiten, 19,99 €
ISBN: 978-3550088513, erschienen bei Ullstein.
Lesen Sie auch meinen Beitrag zum Album „Berliner Sonntag”.
Gleich mit zwei Knallern möchte ich heute aufwarten: „Kreuzeder und der Tote im Wald” und „Die Reichsgründung”. Augenscheinlich haben das Hörspiel (Kreuzeder) und der Doku-Spielfilm (Die Reichsgründung) nur wenig miteinander zu tun. Hintergründig wird klar, dass wir in Deutschland Rundfunkstationen haben, die dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nachkommen.
Zum Hörspiel: Deutschlandradio Kultur wagt einen Schritt zum Publikum hin. Am 11. Dezember präsentiert der Sender ein Hörspiel live vor Publikum in Passau. „Kreuzeder und der Tote im Wald”, basierend auf einem Roman von Jörg Graser, wird aufgeführt. Zur Handlung: „Polizeipsychologin März (Luise Kinseher) informiert Kriminalrat Kreuzeder (Sigi Zimmerschied) dass nahe der tschechischen Grenze eine Leiche gefunden wurde. Kreuzeder mag sich am Sonntag nicht mit einem Mord befassen. Außerdem leidet er mal wieder an den Auswirkungen eines Alkoholrausches. Um den Fall nicht bearbeiten zu müssen, schleppt er den Toten über die Grenze nach Tschechien. Doch das hilft ihm nicht. Die tschechische Polizei bittet prompt um Amtshilfe, denn Spuren führen nach Deutschland. Der Tote, Max Krobel, wurde mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Er war Hausmeister einer Schule und wenig beliebt. Die Art und Weise, wie er ums Leben kam, spricht für einen Auftragsmord.”
Soweit die Presseinformation. Jörg Graser ist der Autor und Sigi Zimmerschied spricht den Protagonisten. Er wird vor der Aufführung des Hörspiels auch aus seinem Roman „Weißbier im Blut” lesen, der aus Motiven der Hörspiele um Kreuzeder entstand.
Ich bin gespannt. Vor allem deshalb, weil ich selber in Passau sein werde und mir das Hörspiel angucke und anhöre. Und wenn Funknetz und Internet reichen, dann berichte ich auch sicher live aus dem Scharfrichterhaus. Ich freue mich, dass der Kollege Jürgen M. Edelmann mich eingeladen hat.
Und damit zum Fernsehen, das meine ungeliebte Stiefschwester ist. Ich schau ja nur ungern TV, ich lausche Radio. Das gebe ich gerne (und auch an unpassenden Stellen) zu Protokoll. Am Freitag hatte ich die Gelegenheit, den Preview von „Die Reichsgründung” zu sehen.
Das Ende des ersten Teils habe ich erst diese Nacht nach der Ursendung gesehen. Beim Preview musste ich etwas früher raus, eine Pressemitteilung will geschrieben sein und manchmal muss man sich zerteilen. ;)
Die Tellux hat zusammen mit BRalpha unternommen, deutsche Geschichte aufzuarbeiten. Und die „Reichsgründung” ist nicht ambitioniert. Nein, dieses Wort wäre falsch gewählt. Der Zweiteiler ist genial. In den ersten 90 Minuten kriegt der Zuschauer einen schnell eingestellten Einblick in die Zeit, in der Bismarck seine Strippen zog, um das Deutsche Reich zu gründen. In tagebuchartigen Szenen werden die Ereignisse um das Jahr 1871 dargestellt. Und ich gebe zu: Ich bin beeindruckt von der Stiefschwester meines Radios. Schneller Schnitt, es schwirrt einem der Kopf nach dem Sehen des Films. Den langweiligen Geschichtsunterricht meiner Gymnasial-Zeit habe ich mehr als kompensiert. Ich habe in den 90 Minuten des ersten Teils der Reichsgründung mehr behalten und verstanden, als es meine Lehrer es mir je vermitteln konnten. Das macht Mut, den zweiten Teil am Samstag, 1. Dezember zu sehen. Die Serie wird Anfang 2013 auch im BR-Shop erhältlich sein. Wie gesagt, ein tolles Projekt. Und ich bin nicht der einzige, dem die Ereignisse im Kopf schwirrten: Die Twitter-Userin Spreewaldperle hat es erfasst:
@hrbruns Schlag auf Schlag werden Namen, Ereignisse und Reden zusammengeführt. Mir als Geschichtslehrer schwirrt der Kopf. Genial.
— .drea (@spreewaldperle) November 24, 2012
Haben Sie nächsten Samstag um 20.15 Uhr Zeit? Dann schauen Sie den zweiten Teil der Reichsgründung auf BR alpha.
In meinem Blog habe ich nun 201 Artikel selber geschrieben. Zu den unterschiedlichsten Themen. Ein Bereich kommt zu kurz: Das Essen. Ich habe mich dran ausprobiert, aber es ist nicht meine Domäne. Dafür möchte ich Ihnen mit einem Gastbeitrag meine Kollegin Silke-Katinka Feltes vorstellen. Sie hat sich nun selbständig gemacht und betreibt das Textbüro Foodart. Dort schreibt sie über das Essen und bietet auch ihre Dienstleistungen an. Zum vollständigen Artikel mit Lesung von Stevan Paul auf der Homepage von Silke-Katinka Feltes gelangen Sie hier.
Neulich las der Foodjournalist Stevan Paul in der wunderbaren Buchhandlung Moths in München aus seinem neuen Buch Schlaraffenland. Kurzgeschichten aus der großen weiten Welt der Kochens und des Essens. Literatur, Küchenkunst. Im alltäglichen sozialen Miteinander stelle ich dagegen immer wieder fest, wie unbekannt das Genre Foodjournalismus ist.
Mitten in der Woche. Herbst. Die Sonne scheint. Gerade noch rechtzeitig kommt das Auto aus der Werkstatt, ich rase durch den halben Landkreis, um die Kinder für die Nacht bei Freunden unterzubringen. Die Eltern der Freunde gucken mich merkwürdig an. Ja doch, eine Lesung in München, ein Foodblogger. Nein, der hat ein Buch geschrieben. Nein, keine Kochrezepte. Ja was denn dann?
Wer sich auf Food-Journalismus spezialisiert oder Foodblogger ist, erntet bestenfalls Desinteresse, manchmal Überheblichkeit, oft Miss- oder Unverständnis. „Ach, weißt du, Essen interessiert mich nicht so,“ oder „Okay, ein gutes Rezept kann ich schon gebrauchen“. Soweit zumindest außerhalb der Foodblogger-Szene. Der literarische Anspruch scheint im Allgemeinen nicht mit dem Primärbedürfnis der Nahrungsmittelzuführung zusammen zu passen. Kochen und Schreiben, Genießen und Intellekt, zwei Gegensätze, so scheint es. Wie gut, dass die heutige Lesung das Gegenteil beweist.
Stevan Paul, Koch, Foodstylist (ja, sowas gibt’s auch), Journalist, Autor. Eine Größe in der Szene. Nach „Monsieur, der Hummer und Ich“ stellt er heute sein zweites Buch „Schlaraffenland“ vor. Unterhaltsam tut er dies, humorvoll, mit einer Portion Selbstironie und mit einem gewissen komödiantischen Talent. Alles andere als eine trockene Lesung ist es, zumal auch Weißwein gereicht wird. Drei Kurzgeschichten liest er, von Menschen auf der Suche nach Genuss, von ihrem Scheitern, von ihren Überlebensstrategien in einer harten, weil oft dogmatischen Branche.
„Mit hintergründigem Sprachwitz und klugem Humor erzählt Stevan Paul in 15 neuen Kurzgeschichten pointiert von der Suche nach dem modernen Schlaraffenland“, so steht es auf dem Klappentext. Stimmt. Wer mag kann sich hier eine der Geschichten, gelesen von Stevan Paul himself, anhören. Eine Geschichte über Foodblogger, Facebook und über die Scham aus Liebe minderwertiges Hackfleisch kaufen zu müssen. Voila!
Essen und Genuss, so viele Themengebiete tun sich da auf: Historische, kulturwissenschaftliche, soziologische, ökonomische, kulinarische, emotionale, anthropologische und eben auch literarische.
Essen kann soviel mehr als reine Nahrungsaufnahme sein. Nämlich ein sinnliches, emotionales und intellektuelles Vergnügen! Mit der Erforschung der Esskulturen nähert man sich immer auch dem Wesen eines Landes und dem Charakter der Menschen, sowohl der Kochenden, der Genießenden oder der einfach nur Essenden. Über all diese Themen, Fakten, Geschichten und Ereignisse schreibt und berichtet der Foodjournalist. Literarische Freiheit können sich darüber hinaus die Foodblogger erlauben. Und wenn man dann noch Glück,Talent und Kontakte hat, wird vielleicht ein Roman oder ein Kurzgeschichtenbuch daraus. Womit wir wieder bei Stevan Paul wären. In seinem Buch finden sich fiktionale, seelenwärmende, kurzweilige Geschichten, unterbrochen durch das zur jeweiligen Geschichte passende Rezept. Küchenkunst.
Zum Schluss zwei persönliche Bekenntnisse: Ich habe nie gerne gekocht. Aber ich esse verdammt gerne. Hätte ich genügend Geld, würde ich immer kochen lassen. Habe ich aber nicht. Daher muss ich wohl oder übel selbst Hand anlegen. Und da ich äußerst anspruchsvoll bin, muss ich halt äußerst gut kochen. Letztes Jahr in Singapur bin ich drei Monate lang dreimal täglich essen gegangen und habe nicht eine Sekunde das Kochen vermisst. Im Gegenteil!
Zweitens: Worte sind mir wichtiger als Essen. Ich ziehe meinen imaginären Hut tiefer vor großer Literatur als vor begnadeten Köchen.
Ende Oktober feierte Charlotte Knobloch ihren 80. Geburtstag. Sie ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sie war Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland und ist international noch eingebunden in den Jüdischen Weltkongress als dessen Vizepräsidentin.
Charlotte Knobloch hat das Nazi-Regime in Deutschland als kleines Mädchen erlebt und bei einem Pfarrer in Franken überlebt, als uneheliche Tochter der Haushälterin ausgegeben. Jetzt war sie in der Hanns-Seidel-Stiftung zu Gast. Die Veranstaltungsreihe heißt „Starke Frauen. Starke Worte.”. Zeitgleich ist ihre Biographie erschienen, die sie zusammen mit Raphael Seligmann geschrieben hat. Natürlich wurde sie eingangs zur aktuellen Situation in Israel befragt. Eine ihrer Töchter lebt dort, die Enkel von Charlotte Knobloch können jederzeit zur Verteidigung des Landes eingezogen werden. Bekenntnisse einer Großmutter:
Stephanie Heinzeller, bekannt aus dem Talk Eins zu Eins bei Bayern2, übernahm die Moderation dieser Veranstaltung. Charlotte Knobloch wuchs in München auf. Sie hat mitbekommen, wie ihr Vater sich mit der Großmutter beriet und diese sich opferte für einen der befohlenen Transporte von Juden ins KZ:
Ich möchte nicht die Geschichte von Charlotte Knobloch erzählen, das hat sie selber in ihrer Autobiographie getan. Weitgehend unkommentiert deswegen nur ein paar Ausschnitte aus der Veranstaltung in der Hanns-Seidel-Stiftung.
Knoblochs Mutter hatte sich vom Vater schon scheiden lassen. Sie selber wurde vom Vater nach Franken verschickt, wo sie in einem Pfarrhaus als uneheliche Tochter der Haushälterin ausgegeben wurde:
Nach dem Krieg kommt sie zurück zum Vater, der ebenfalls im Untergrund überlebte. Sie trotzt ihm mehr oder weniger die Heirat mit Samuel Knobloch ab, macht eine Ausbildung zur Damenschneiderin. Und der Koffer bleibt immer gepackt, eigentlich wollen die Knoblochs nach Amerika auswandern. Aber die Kinder, die aus dieser Ehe hervorgehen, bewegen das Ehepaar in München zu bleiben:
Charlotte Knobloch wächst in die israelitische Kultusgemeinde hinein. Ab 1985 ist sie selber politisch und kulturell aktiv für die Israelitischen Gemeinden. Und nach dem Tod von Ignaz Bubis fängt sie selber an, in Schulen zu gehen und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Dabei weiß sie, dass sich die Zeiten ändern: Die Zeitzeugen sind alt und sterben. Aber sie hat ein Vermächtnis an die jungen Leute. Eines, das weit weg ist von Judenvernichtung und Pogromen. Ein Vermächtnis, das sehr tief geht: Die Aufforderung, dass sich junge Menschen in die Gestaltung ihrer Heimat Deutschland einbringen sollen:
Charlotte Knobloch hat in ihrem Gespräch nicht angeklagt, nicht verurteilt. Ihr Auftreten war bescheiden und sie mahnte. Sie mahnte die Jugend, nicht zu vergessen und die Erinnerung weiterzutragen.
Die Autobiografie von Charlotte Knobloch ist in der DVA erschienen.
Bilbliophile Angaben:
Charlotte Knobloch, Rafael Seligmann
In Deutschland angekommen
Erinnerungen
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 336 Seiten
ISBN: 978-3-421-04477-8, 22,99€ (D)
Ein älterer Mann, geschieden, sozial abgerutscht in das Milieu eines Arbeitslosengeld-2-Empfängers, verwahrlost, in einer vermüllten Wohnung lebend, findet ein Kind in einer Mülltonne. Das ist der Ausgangspunkt des Romanes „Glückskind” von Steven Uhly.
Fein geschildert, entwickelt der Autor eine Geschichte, die erst als Gegenwarts-Drama erscheint, sich dann aber zu einem Gegenwarts-Märchen entwickelt.
Hans D. hat alles verloren: Familie, Arbeit, ja, auch den Glauben an sich selbst. Nach dem Aufwachen streift sein Blick durch die Wohnung. Dicke Staubschichten abseits der Pfade, die er zwischen Bett, Toilette, Kühlschrank und Couch geht. Müll. Chaos. Das Wohnungsinnere als Spiegel des Inneren dieses Hans D. Er selber ist seit langer Zeit unrasiert und ungewaschen, er trägt immerzu dieselbe Kleidung. Beim Anschalten des Radios fällt ihm siedend heiß ein, dass er seinen Weiterbewilligungsantrag auf staatliche Leistungen ausfüllen zu müssen, sonst fällt er noch eine Stufe tiefer und wird zum Obdachlosen ohne Wohnung. Und doch schiebt er den Antrag hinaus. Was als Paradoxon erscheint, dass er nicht das Dringlichste zu erst erledigt, sondern beginnt, Müll aus der Wohnung zu den Tonnen zu schaffen, ist nicht nur die Flucht vor dem Unangenehmen, das vermeintliche Setzen von falschen Prioritäten, das Aufschieben, damit der Druck noch größer wird und als Betroffener das Gefühl hat, etwas geleistet zu haben und aus diesem Druckgefühl heraus eine Art von Stolz zu empfinden. Dieses vermeintliche Paradoxon wird zur Wendung der Geschichte. Hans D. packt sich vier Müllsäcke und schleicht zum Aufzug:
Hans D., ein älterer Mann, nimmt dieses Kind an. Und aus seiner verschüttet geglaubten Erinnerung fällt ihm ein, was ein so kleines Kind braucht: Kleidung, Nahrung, Zuwendung. Keinesfalls mechanisch, eher seine Situation überdenkend, aber das Herz für das Kind geöffnet, nimmt er seinen Mantel, seinen Geldbeutel, das Kind unter dem Mantel und will das Nötigste einkaufen. Vor dem Laden schämt er sich, dass er ungepflegt ist, stinkt und kann das Geschäft nicht betreten. Er bittet einen Jungen, der vorbeikommt, für ihn in den Laden zu gehen und vertraut ihm den Geldbeutel an. Arthur, der Junge, lässt sich von einer Verkäuferin beraten und hilft Hans D. noch, die Sachen für das Baby bis zur Haustür zu tragen.
Mit diesen Worten verabschiedet sich Hans D. vom jungen Arthur, betritt seine Wohnung, will das Kind versorgen und erkennt das nächste Problem: Er hat zwar Babymilch, aber keine Flasche. In einer Schublade unter dem Fernseher findet er noch einen Schnuller seiner eigenen Kinder, die ihn verlassen haben. Eine leere Bierflasche, notdürftig ausgespült, Tesafilm und dieser Schnuller werden zum Babyflaschen-Ersatz.
Nachdem er Felizia, so nennt er das Baby, denn es hat „heute viel Glück gehabt”, versorgt hat, legt er es zum Schlafen auf sein Bett und geht noch das Nötigste einkaufen. Kleidung, Babyfläschchen und einen Tragegurt. Nach der Heimkehr, zwei Stunden hat es gedauert, fällt ihm wieder der Antrag ein. Denn sonst bekäme er kein Geld mehr. Geld, dass er nicht nur für sich, sondern auch für Felizia braucht. Ein Briefkuvert findet er noch, eine Briefmarke aber nicht mehr. Ihm fällt der Zeitungsladen gegenüber ein. Aber vorher muss Hans D. erst einmal Felizia versorgen. Dann kleidet er sie an, legt sich den Tragegurt um, das Kind hinein, zieht den Mantel an und geht zum Kiosk von Herrn Wenzel. Hier beginnt Hans D., sich zu öffnen:
Steven Uhly las selber in der Buchhandlung Literatur Moths aus seinem Roman. Anschließend stellte er sich den Fragen der Lesungsteilnehmer. Uhly hat es in seinem Roman verstanden, das Märchenmotiv in die raue Wirklichkeit Deutschlands im Jahre 2012 zu heben und es mit der Wirklichkeit aufeinander prallen zu lassen:
Zum ersten Mal wurde Steven Uhly selbst mit Glücksmärchen konfrontiert, als er seiner Tochter erzählen musste. In diese Zeit fällt auch die erste Meldung über ein ausgesetztes Kleinkind, die er als junger Vater in der Zeitung las:
Neben der Glücksgeschichte der kleinen Felizia entwickelt sich der Roman von Steven Uhly auch zu einer Glücksgeschichte für Hans D. Meine Empfehlung: Lesen! Uhly beschreibt fein beobachtet die Wandlung des Hans D., die Anteilnahme des Hauses, in dem er wohnt, am Schicksal von Felizia. Ein Gegenwartsmärchen, das durch den scheinbaren Gegensatz lebt und sich zu einer Glücksstory entwickelt.
Ich danke Steven Uhly für die Erlaubnis, aus seiner Lesung Mitschnitte zu präsentieren, seinem Verleger Christian Ruzicska von „secession – Verlag für Literatur” für die Vermittlung und ein Rezensionsexemplar, sowie dem Team der „Buchhandlung Literatur Moths” für einen wie immer gelungen Lesungsabend.
Bibliographische Angaben: Steven Uhly „Glückskind”, ISBN 978-3-905951-16-5
erschienen bei secession, Verlag für Literatur, 245 Seiten, 19,95 € (D)
Tipp für München und Umland: Sie können das Buch auch online bestellen, zum Beispiel bei Literatur Moths. Entweder schicken lassen oder selbst abholen, das Ambiente der Buchhandlung lädt dazu ein.
Gibt es noch den großen Familienroman, der eingebettet in zeitliche Koordinaten anhand persönlicher Lebensläufe Geschichte nachvollziehbar macht? Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet ja.
„Goldmacher” von Gisela Stelly ist so ein Roman. Kurz nach der Wirtschaftskrise werden 1924 Anton und Franz geboren. Anton Bluhm erblickt in Hannover das Licht der Welt. Er ist Sohn eines Papiermachers, der pleite geht. Franz Münzer kommt in München zur Welt. Sein Vater ist Bankier, interessiert sich für Okkultismus und das Wunderliche. Hier kommt die erste zeitgeschichtliche Komponente ins Spiel: Der Okkultismus und das (vermeintliche) Geheimwissen, im Dritten Reich vor allem von Heinrich Himmler gepflegt. Die Nazis waren auch geblendet und verführt von der Alchemie. Bei Starnberg wurde mit der industriellen Produktion von Gold experimentiert. Es liest Gisela Stelly:
Gold. Nach Dichte und Gewicht bestimmt.
Vater Bluhm zeichnet begeistert Anteile, will er doch auch zu den Karrieristen und Gewinnlern gehören. Fatale Folge: Seine Papierfabrik geht pleite. Schon seit längerer Zeit musste er Aufträgen und zahlungssäumigen Kunden hinterherfahren. Goldmacher ist ein fein gewobener Roman, der fünf Jahre brauchte, um zu entstehen, wie Gisela Stelly im Interview erzählt. Ist sie selber technikgläubig?
Zurück zum Roman. Während Franz von seinem Vater in die Obhut eines Erziehers gegeben wird, der ihm die Liebe zu Geheimwissen anzuerziehen versucht, macht Anton mit zehn Jahren ganz andere sinnliche Erfahrungen. Es liest Hildegard Schmahl, Ensemblemitglied an den Kammerspielen:
In der Hitlerjugend lernen sich Franz und Anton kennen. Franz, der an Wunderwaffen glaubt und daran, dass der Endsieg die Opfer rechtfertigt. Und Anton, der das Buch „Moby Dick” von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekam. Ein Buch, das im Dritten Reich verboten war. Hier beginnt das Ringen der beiden Geister, des hörigen und des aufklärerischen.
In einer Zwischenblende erfahren wir, was aus dem Goldmacher vom Starnberger See geworden ist. Nazischergen haben ihn privilegiert mit Leidensgenossen interniert, er soll Geld statt Gold machen. Wenn er genügend Geld produziert hat, das der Feind nicht als Fälschung entlarvt, verspricht ihm der SS-Lagerkommandant die Freiheit. Friedrich glaubt nicht daran. Missgeschicklich verschüttet er eine wichtige Mixtur zur herstellung des Falschgeldes und wird von einem Bewacher getötet. Die Protagonisten des Romans erleben Krieg, Elend, Gefangenschaft, den Wiederaufbau Deutschlands, heiraten, situieren sich. Franz immer noch revisionistisch angelegt, Anton als Aufklärer. Und doch: Immer einander verbunden und durchaus zugetan. Sie verbringen einen gemeinsamen Urlaub in Rom. Der folgende Ausschnitt, den wieder Hildegard Schmahl liest, spielt weit nach Mitternacht bei Gin Fizz und zeigt die Meinungsführerschaft von Anton Bluhm:
Anton Bluhm steigt in den Nachkriegsjahren zu einem der bedeutendsten Blattmacher Deutschlands auf. Und hier wird die Familiengeschichte greifbar. Gisela Stelly verriet mir im Interview etwas:
Wer sich biografische Details oder intimere Erkenntnisse über Rudolf Augstein erwartet, wird von diesem Buch nicht bedient. Es ist der große Roman, der anhand biografischer Anlehnungen Geschichte erfahrbar macht. Geschichte zwischen zwei Wendepunkten, der Wirtschaftskrise der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts und dem Attentat auf das World Trade Center 2001. Unbedingt zu lesen. Für mich steht der Roman ebenbürtig neben Heinrich Manns „Der Untertan”, an den mich einige Szenen erinnerten. „Goldmacher” ist ein dynastisch angelegter Roman. Und damit, wie Silke Behl von Radio Bremen das einordnet, auch in einer Reihe mit Thomas Manns „Buddenbrooks” zu sehen.
Goldmacher ist erschienen bei Arche, 415 Seiten, 24,95 Euro.
Wenn Sie in München und Umgebung wohnen, können Sie den Roman bei der Buchhandlung Literatur Moths online bestellen und das beim Abholen mit einem Besuch dieses Kleinods verbinden. Und sich auch gerne als Teilnehmer für eine Lesung vormerken lassen.
Zur Homepage von Gisela Stelly gelangen Sie hier.
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Disclaimer: Ich stehe in keinerlei abhängiger Beziehung zur Buchhandlung Literatur Moths. Mein Exemplar des Romans Goldmacher habe ich dort erworben und an der Lesung teilgenommen. Ich schätze das Ambiente der Buchhandlung, die Betreiberinnen und das Engagement, Literatur erlebbar zu machen.
Mein besonderer Dank gilt der Buchhandlung Literatur Moths und Hildegard Schmahl, die mir ohne Zögern und Einwände gestattete, aus ihrer wunderbaren Lesung zu publizieren.
Der Markt an Kochbüchern ist schier unerschöpflich. Ob italienisch, vegetarisch, deftig oder Haute Cuisine – für jeden Geschmack und Anlass haben die Lafers, Schuhbecks und Wieners dieser Welt Rezepte bereit. Mag sein, dass das den Massengeschmack befriedigt. Kochen ist aber auch immer eine sinnliche Erfahrung. Wer erinnert sich nicht, wie früher Mama oder Oma am Herd standen und liebevoll in manchmal stundenlanger Kleinarbeit das Mittagsmahl für die Familie zubereit haben?
Reinhard Michl hat bei Literatur Moths nun sein Kochbuch vorgestellt. Ein „Bayrisches Kochbuch”. Michl ist Illustrator, hat auch schon für den Bayerischen Rundfunk gezeichnet. Neben seiner Arbeit hat er eine Leidenschaft für das Kochen entwickelt. In seinem Kochbuch taucht er in seine Kindheit ab:
Michls Bayrisches Kochbuch ist kein Kochbuch – im klassischen Sinn. Es ist Sinneserfahrung. Was die Schuhbecks und Wieners dieser Welt mit tollen Variationen über Essen schaffen wollen, das macht Reinhard Michl anders. Bodenständig, wie man das von echten Bayern erwarten darf.
Fische habens Reinhard Michl angetan. Er hat in seiner Kindheit selber gefischt, abseits von Anglerschein und Verordungen. In seiner Lesung streift er auch diese Kindheitserinnerungen zwischen Altmühl und Donau.
Längst hat sich der Illustrator davon verabschiedet. Seine Kocherfahrung beschreibt er so:
Und doch: Immer wieder merkt man in seinem Buch, dass es nicht nur um die Nahrungsaufnahme geht, sondern um das Entstehen guten Essens. Und das hat er schon als Kind einüben dürfen. Wenn der schwere Stuhl, der dem Gewicht des örtlichen Metzgers angemessen war, ihm als Zeichenpult und als Kochplatte diente:
Reinhard Michl hat Wurzeln, die im Egerland liegen. Das mag nicht nur als Hinweis dienen, sondern auch als Zeichen.
Lesens- und erkochenswert!
Das Bayerische Kochbuch umfasst 160 Seiten mit Illustrationen vom Autor Reinhard Michl. Es ist erschienen im Gerstenberg Verlag und kostet 19,95 Euro.
Besonderer Tipp: bei Literatur Moths in der Rumfordstraße München sind in den nächsten Tagen noch einige der Illustrationen im Original zu sehen.
Beinahe wäre es passiert.
Ich hätte Herman van Veen aus seinem eigenen Konzert geworfen.
Sie kennen Herman?
Großer Sänger, Clown und Vater von Alfred Jodokus Kwak. Alles klar? Alles klar!
Herbst 1997.
Ich stand zwölf Monate vor dem Abitur und verdiente mir etwas Geld dazu als Aufbauhelfer an der Festhalle Viersen.
Herman van Veen gastierte in Viersen. Nun ist Viersen nicht so groß, dass man annehmen dürfte, dass da jeder große Künstler vorbeikommt und auftritt. Meine Kollegen an der Festhalle erklärten mir: „Der van Veen tritt hier auf, weil er, damals, als er noch nicht so bekannt war, hier auftreten durfte.” Auch eine Art von Stabilitas Loci, der Beharrlichkeit, die ich neulich beschrieb.
Wir hatten ab dem Vormittag aufgebaut. Lichttraversen in den Schnürboden eingezogen, Boxen gestemmt. Was man halt als Bühnenhelfer so macht.
Am frühen Abend waren wir fertig. Einen Kollegen schickten wir zu Biggis Futterkrippe, er holte für die Mannschaft Pommes und Currywurst. Bier war in „Keller 14”, unserem Getränkelager. Nach dem Konzert würden wir auch wieder mit abbauen müssen. Eine Stärkung war angebracht.
Zusätzlich wurden wir ab Öffnung der Abendkasse noch als Saalwache eingeteilt. Meine Kollegen wachten über die Eingänge in die Festhalle, damit keiner aus der Lobby vor 19.30 Uhr in den Saal gelangte.
Ich war im Saal stationiert.
Wenig zu tun, ich hatte die Gelegenheit, dem Toningenieur von Herman zu assistieren und über die Schulter zu schauen.
Und auf einmal ging vor 19.30 Uhr eine Seitentür auf. Ich sprang elektrisiert auf und ging hurtig auf den Eindringling zu.
Gerade wollte ich schon in bester bayerischer Grantlermanier loslegen, was dieser Mensch hier suche und warum (und wie!) er in den Saal gelangt sei.
Kurz vor ihm blieb ich stehen.
Und dann sah ich dieses Gesicht, diese Halbglatze, diese Jeansjacke.
Ein kurzer Moment des Innehaltens.
Dann wechselte ich den Preset für die Stimme, von Poltern schaltete ich um auf „Guten Abend, Herr van Veen.”
Grade noch geschafft. ;)
Herman van Veen ging danach zu seinem „Toning”, kurze Besprechung, dann verschwand er via Seiteneingang hinter der Bühne.
Das Konzert selber erlebte ich je nach Einsatz aus einer Seitenloge oder aus dem Seitengang der Bühne. Oder vom Schnürboden.
Ich habe es genossen.
Auch mit Herman van Veen habe ich gelernt, dass Zuhören eine sehr wichtige Eigenschaft ist. Nicht nur für einen Journalisten.
Sondern auch für mich als Mensch.
25 Jahre nach diesem Konzert von Herman van Veen habe ich zu hören.
Auf meine Auftraggeber.
Ich will deren Vorgaben umsetzen.
Auf Menschen, die mich begleiten.
Sie sollen sich wohl fühlen und ohne das professionelle Gehabe eines Therapeuten einfach reden können und sich verstanden fühlen.
Ich lerne jeden Tag das Zuhören neu.
Und abseits des Journalisten in mir stelle ich Rückfragen.
An meine Gesprächspartner und an mich.
Herman van Veen hätte ich an diesem Abend in Viersen beinahe aus seinem eigenen Konzert geworfen.
Wenn mir der Mensch nicht vom Plakat her bekannt vorgekommen wäre.
Ich habe zuhören dürfen.
Zuhören macht fröhlich.
als junge geboren,
zur schnecke gemacht.
die unschuld verloren,
als mann nur gelacht.
in frauen versunken,
von kindern geträumt.
mit männern getrunken,
das leben versäumt.
nur stehen und reden,
nur wein, schnaps und bier.
schwankend die welt neu bewegen,
dafür stehen wir hier.
wir werden den globus nicht ändern,
kein jota wird wegen uns schwach.
wir brauchen nicht länger mehr reden,
die stadt wird im morgengrau’n wach.
(Das Gedicht wurde 1997 im Band ‘Fünf Stationen Liebe’ veröffentlicht. Autor: Heinrich Rudolf Bruns)
und damit …
Happy Birthday to me. :)
ich kann kein liebesgedicht schreiben,
für dich nicht, und auch nicht für mich.
ich kann die lediglich eines nur sagen:
so, wie du bist, mag ich dich.
ich kann keine worte zu reimen mehr zwingen,
die feder verweigert sich mir.
ich mag dich, ich kann dich gut leiden,
dann, wenn ich dich sehe, wenn ich dich spür’.
ich bin eb’nt kein dichter, kein denker,
nur stammeln ist das, was ich kann.
die worte, gedanken versiegen,
wenn ich deine augen anschauen kann.
ich weiß nichts von metren,
von versen und maß.
verzeih’ mir mein hilfloses streben,
komm, leer’ mit mir das glas.
(Das Gedicht ist 1997 im Gedichtband ‘Fünf Stationen Liebe’ erschienen. Autor: Heinrich Rudolf Bruns)
ein mensch fährt auf ‘ne flamme ab
und denkt: die bringt mich voll auf trab.
solang er sie nicht sicher hat,
erfüllt er jeden wunsch für sie:
für einen kuss von ihr fällt er auf’s knie.
doch – bald schon wendet sich das blatt,
er merkt, wie seine chancen schwinden.
die flamme will sich gar nicht binden.
so fällt er auf ‘ne neue rein –
der mann will doch betrogen sein.
(Dieses Gedicht ist aus meinem 1997 erschienen Gedichtband ‘Fünf Stationen Liebe’ entnommen. Es wurde in der Rubrik ‘ohne titel’ veröffentlicht.)
Der Nebel steigt heraus aus feuchten Wiesen,
mein Tag beginnt schon um halb vier.
Ich mag die Tage so wie diesen,
wenn ich erwache neben dir.
Ich trotte rein ins Badezimmer.
Rasieren fällt heut wieder aus.
So läuft der frühe Morgen immer,
wenn ich mir sage: Will nicht aus dem Haus.
Die Stadt blüht auf zu neuem Leben,
der Morgen graut, am Himmel steht ein Stern.
Was habe ich, was könnt ich geben?
Sei’s drum. Ich hab Dich einfach gern.
Der Pförtner grüßt mich, wenn ich reinkomm,
er reicht die Zeitung rüber, meldet: “Gar nichts los!”
Ein Kanzler, ein Minister, Streit in Bonn.
Ich träum’ von Dir und mir im weichen Moos.
Ich blick auf meinen grellen Ticker.
Der Horror heißt hier d-p-a.
Der Ordner voller Blätter wird immer dicker.
Was gäb’ ich, wärst Du einfach da.
(Live-Aufnahme von 1998 im Rahmen des Bühnenprogramms “Fünf Stationen Liebe”)
1997 erschien im Verlag Aschenbrenner & Schott ein Buch mit Gedichten und Geschichten von mir. Geschrieben und manchmal gar regelrecht hingerotzt, einem Road-Movie gleich, notierte ich, übrigens überwiegend auf einem Psion Gedanken, Gedichte, Geschichten aus meiner damaligen Lebenserfahrung. Nicht alles von damals hat auch heute noch Bestand. Aber manches hat auch heute noch einen Wert für mich. Der Verlag existiert nicht mehr. Auch ich habe kein Exemplar dieses Buches. Beim Besuch einer Freundin habe ich noch ein Exemplar gefunden. Ich habe es mir ausgeliehen und eingescannt.
da rennt ein mensch durch die gegend – auf der suche nach einem anderen, der vielleicht zu ihm passen könnte.
so viele möglichkeiten gibt’s: in die kneipe, in das clublokal oder in den park.
so viele menschen, so viele gesichter, so viele eindrücke. den menschen verwirrt’s.
vor allem der gedanke, ob da irgendwo einer ist, der so fühlt wie ich.
der so denkt, der so lebt, der der topf zum deckel ist.
das ideale gegenstück, das es gar nicht zu geben scheint.
der mensche und seine wünsche.
wie soll ich ihn, den ich gar nicht kenne, erreichen? ihn verständigen davon, dass da einer ist, den es vielleicht lohnt, kennenzulernen?
ich, der ich spinner, träumer, phantast geheißen werde, der ich mich egomanisch benehmen kann und zufrieden bin, wenn ich um mich selbst kreise, in mir ruhe.
ich, der ich oft, zu oft, von meinen bekannten als arrogantes arschloch bezeichnet werde.
dabei befinde ich mich bei ihnen in bester gesellschaft: wir sind alle arrogant, tragen, wenn wir zusammenstehen und trinken, unser bestes gesicht zur schau. die maske, die nicht fallen, das aufgemalte lächeln, das nicht bröckeln darf.
kosmetische jugendstilfassade. und dann passierst du mir immer wieder – seit einem jahr immer wieder. und diesmal auch außerhalb der kneipe: mit dir nachts durch die von polizeistreifen durchsetzten straßen ziehen, eine pizza auf den stufen der klenze-apotheke verspeisend, dir von meinen ideen erzählend und jedes mal versiegend, wenn das gespräch auf dich kommt. weil ich angst habe, dich zu fragen, wenn deine dunklen augen mich durch deine brille anschauen, ein lächeln um deine lippen spielend, ich nicht wissend, was ich davon halten soll.
angst, dass die hoffnung, die ich hege, ein trugschluss sein könnte. dass das gefühl, das mich seit so langer zeit beschleicht, wenn ich dich sehe, eine sinnengaukelei sei. dieses vorsichtige herantasten an den punkt, ob meine gefühle von dir erwidert werden könnten: das ewige kokettieren mit der anruferei, wie du es nennst, – ja, du hast meine telefonnummer. das ewige tief stapeln. dieser haufen von missverständnissen, wenn ich mich mit jemand anders unterhalte – dieses aneinander geraten, wenn man doch wieder miteinander spricht.
dieses dastehen und vor-sich-hin-schweigen.
das unerträgliche gefühl, nicht weit genug gegangen zu sein.
das bange zagen, ob der letzte schritt nicht einer zu viel war. dieses verzweifelte suchen nach gemeinsamen themen, über die wir reden könnten.
mit jedem anderen kann ich über gott und die welt quatschen – bei dir versagt der moderator in mir.
ich will dir zuhören – ja, ich kanns, auch wenn es keiner glaubt. ich will das schweigen an deiner seite genießen. weil es eh das einzig wahre ist.
… und, weil ich dich mag.
lass mich lernen, dich zu lieben.
(Ich habe die Rechtschreibung behutsam angeglichen. Im Original erschien die Geschichte ohne Bilder und ohne Absätze. Road Movie eben. Wann immer ich Zeit und Lust habe, werde ich die eine oder andere Geschichte abtippen und hier einstellen.)