Höre!

Beinahe wäre es passiert.
Ich hätte Herman van Veen aus seinem eigenen Konzert geworfen.
Sie kennen Herman?
Großer Sänger, Clown und Vater von Alfred Jodokus Kwak. Alles klar? Alles klar!

Herbst 1997.
Ich stand zwölf Monate vor dem Abitur und verdiente mir etwas Geld dazu als Aufbauhelfer an der Festhalle Viersen.
Herman van Veen gastierte in Viersen. Nun ist Viersen nicht so groß, dass man annehmen dürfte, dass da jeder große Künstler vorbeikommt und auftritt. Meine Kollegen an der Festhalle erklärten mir: „Der van Veen tritt hier auf, weil er, damals, als er noch nicht so bekannt war, hier auftreten durfte.” Auch eine Art von Stabilitas Loci, der Beharrlichkeit, die ich neulich beschrieb.
Wir hatten ab dem Vormittag aufgebaut. Lichttraversen in den Schnürboden eingezogen, Boxen gestemmt. Was man halt als Bühnenhelfer so macht.
Am frühen Abend waren wir fertig. Einen Kollegen schickten wir zu Biggis Futterkrippe, er holte für die Mannschaft Pommes und Currywurst. Bier war in „Keller 14”, unserem Getränkelager. Nach dem Konzert würden wir auch wieder mit abbauen müssen. Eine Stärkung war angebracht.
Zusätzlich wurden wir ab Öffnung der Abendkasse noch als Saalwache eingeteilt. Meine Kollegen wachten über die Eingänge in die Festhalle, damit keiner aus der Lobby vor 19.30 Uhr in den Saal gelangte.
Ich war im Saal stationiert.
Wenig zu tun, ich hatte die Gelegenheit, dem Toningenieur von Herman zu assistieren und über die Schulter zu schauen.
Und auf einmal ging vor 19.30 Uhr eine Seitentür auf. Ich sprang elektrisiert auf und ging hurtig auf den Eindringling zu.
Gerade wollte ich schon in bester bayerischer Grantlermanier loslegen, was dieser Mensch hier suche und warum (und wie!) er in den Saal gelangt sei.
Kurz vor ihm blieb ich stehen.
Und dann sah ich dieses Gesicht, diese Halbglatze, diese Jeansjacke.
Ein kurzer Moment des Innehaltens.
Dann wechselte ich den Preset für die Stimme, von Poltern schaltete ich um auf „Guten Abend, Herr van Veen.”
Grade noch geschafft. ;)
Herman van Veen ging danach zu seinem „Toning”, kurze Besprechung, dann verschwand er via Seiteneingang hinter der Bühne.
Das Konzert selber erlebte ich je nach Einsatz aus einer Seitenloge oder aus dem Seitengang der Bühne. Oder vom Schnürboden.
Ich habe es genossen.
Auch mit Herman van Veen habe ich gelernt, dass Zuhören eine sehr wichtige Eigenschaft ist. Nicht nur für einen Journalisten.
Sondern auch für mich als Mensch.

25 Jahre nach diesem Konzert von Herman van Veen habe ich zu hören.
Auf meine Auftraggeber.
Ich will deren Vorgaben umsetzen.
Auf Menschen, die mich begleiten.
Sie sollen sich wohl fühlen und ohne das professionelle Gehabe eines Therapeuten einfach reden können und sich verstanden fühlen.

Ich lerne jeden Tag das Zuhören neu.
Und abseits des Journalisten in mir stelle ich Rückfragen.
An meine Gesprächspartner und an mich.

Herman van Veen hätte ich an diesem Abend in Viersen beinahe aus seinem eigenen Konzert geworfen.
Wenn mir der Mensch nicht vom Plakat her bekannt vorgekommen wäre.
Ich habe zuhören dürfen.
Zuhören macht fröhlich.

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In der Kategorie Kultur, Literarisches, Musik am 12.08.12 um 04:26 Uhr veröffentlicht.
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