In diesem Internet ist eine heftige Diskussion entbrannt. Es geht um die sogenannten “Stillen Feiertage”. Dem Wesen nach sind das Tage, an denen keine öffentlichen Veranstaltungen stattfinden dürfen. Allenfalls solche, die der geistigen Erbauung dienen. Eine Tanzveranstaltung ist nun etwas, das sicher denen, die dran teilnehmen, der Erbauung dient. Inwiefern das geistig geprägt ist, lassen wir mal dahingestellt.
Wir haben in Deutschland eine nicht immer ganz scharfe Trennung von Kirche und Staat, insofern mag mancher fragen, wieso sich der Staat für den Schutz dieser Tage einsetzt.
Um es klar zu sagen: Ich finde es gut, dass der Staat diese Tage schützt. Wenngleich sich die Kirchenbesucherzahlen rückläufig entwickeln, manche Zeitgenossen an hohen kirchlichen Feiertagen eher der Modenschau wegen in die Kirche gehen denn des Anlasses wegen (Weihnachten!), so freue ich mich, dass die beiden christlichen Kirchen diesen Schutz geniessen. Als unsere (Groß-)Väter das Grundgesetz entwarfen und damit den Schutz dieser Tage zementierten, waren die Kirchen noch eine andere gesellschaftliche Größe. Das stelle ich nicht in Abrede. Es hat sich viel in Deutschland geändert. Der zehnte Bundespräsident dieses Landes hat festgestellt, dass der Islam in Deutschland angekommen ist und unumkehrbar dazu gehört. Wir haben die Juden in diesem Land, die parallel zu unserem Ostern ihr Pessach feiern.
Die Problematik geht also mehr in die Tiefe, als man auf den ersten Blick glauben mag.
Wenn ich eine Zahl in den letzten Tagen richtig im Kopf behalten habe, sind es gut 38 Prozent Menschen in Deutschland, die nicht einer der christlichen Konfessionen angehören. Im Umkehrschluss bedeutet das zunächst, dass gut 60 Prozent der Einwohner dieses Landes der evangelischen oder katholischen Kirche angehören. Das ist fast eine Zweidrittel-Mehrheit für eine der großen Kirchen. Gut, die meisten sind nicht mehr in der Kirche aktiv. Aber prinzipiell sind es immer noch die “Mehran” (die Mehreren, die Mehrheit), wie wir in Bayern sagen. Und irgendwie ist in unserem Staat geregelt, dass die “Mehran” bestimmen, wo es lang geht.
Das mag nicht immer zum Vorteil gereichen, zugegeben. Aber es ist wohl eine Konvention, die wir nicht vernachlässigen sollten. Sonst haben wir irgendwann wieder eine Diktatur, in der Wenige über das Schicksal Vieler entscheiden.
Legen wir diese Gedankenspiele mal auf den Staat um. Seit Jahren zeigt sich, dass immer weniger Bürger zur Wahl gehen. Obwohl sie als Mitglieder der Organisation Bundesrepublik Deutschland dazu berechtigt sind. Da die Wahlen sonntags stattfinden, ist im Prinzip gewährleistet, dass alle teilnehmen können. Wer es nicht kann und dennoch will, darf Briefwahl machen.
Das geht bei der Teilnahme an einer konfessionsgebundenen Veranstaltung nicht, da muss man schon persönlich hin.
Ich gönne jedem sein Tanzvergnügen. Wirklich. Meinetwegen auch an einem Stillen Feiertag.
Vor ein paar Tagen, als die Diskussion entbrannte, auf schrieb ich auf Twitter: ‘Liebe Piraten, lasst mir und vielen Glaubensbrüdern und -schwestern den Karfreitag, wir lassen dann Euch dann auch Euern Parteitag.’
Dazu stehe ich auch heute noch.
Alternativ: Wir schaffen den Karfreitag (e.a.) als (Stille) Feiertage per se ab, dann dürft Ihr tanzen. Dazu führen wir den Samstag als vollen Arbeitstag wieder ein, nicht nur für Verkäuferinnen und vergleichbare Berufsgruppen. Ich lasse sogar mit mir über die Abschaffung des Sonntags diskutieren. Ja. Generell.
Keine Feiertage für Niemanden. Keine Erholungsphasen, keine Besinnung. Für nichts und Niemanden. Die Ersten, die sich freuen, sind die Fahrlehrer. Die können gleich am Sonntag wieder anfangen, Fahrstunden zu geben. Soll doch jeder machen können, was er will. Dann haben alle Läden toujours auf, was wichtig ist, wenn Ihr morgens um drei feststellt, dass Euch die Club Mate ausgegangen ist.
Aber: Schon im Alten Testament steht, dass alles seine Zeit hat.
Das Innehalten bei uns Menschen hat eine lange Tradition. Es ist wichtig. Gleich, ob religiös oder psychologisch, gar anthroposophisch begründet. Jedwedes Lebewesen hat seine Erholungsphasen. Manche Tiere halten Winterschlaf. Wir Menschen haben in tradierten Schemen unsere Phasen der Erholung und des Innehaltens. Ich fasse das nun extra etwas weiter, weil ich glaube, dass manchem von Euch der große Zusammenhang etwas abhanden gekommen ist.
Ich glaube, dass das ein Punkt ist, den Ihr Piraten hinter Euren Mac- und Notebooks, Desktop-Rechnern und sonstigen Dateneingabegeräten etwas vergessen habt. Zu diesen Punkten des Innehaltens dienen auch immer wieder Sonn- und Feiertage. Und sie sind in unserer abendländischen Kultur von der Kirche geprägt und an ihr orientiert. Ich weiß aus eigerner (leidvoller) Erfahrung auch, dass diese ‘Zweiten Feiertage’ wie an Ostern, Pfingsten und Weihnachten nicht nur Langeweile, sondern auch Stress in der Familie hervorrufen. Finde ich auch nicht gut, ganz ehrlich. Das sind die Punkte, an denen ich mich freue, Single zu sein. Und ja: Ich möchte am Ostermontag oder am Zweiten Weihnachtsfeiertag dann lieber etwas anderes machen als in feiertagsseliger Regungslosigkeit zu verharren.
Alternativ zu einer generellen Abschaffung aller Sonn- und Feiertage für alle und der damit teilweise verbundenen Stille kann ich auch über eine Einführung von Feiertagen aller religiösen Gruppen mit Mitmachen für alle nachdenken.
Wir feiern dann keinen weltlichen Fasching mehr, sondern besaufen uns nur noch mit allen Juden an Purim. Wir halten Ramadan und tischen nach Sonnenuntergang allerlei Köstlichkeiten auf. Bitte. Kein Problem. Ich bin dabei. Sofort. Weil ich mich durchaus als aufgeschlossen und interessiert an anderen Kulturen halte.
Bei allem, was ich nun geschrieben habe: Wir sind eine abendländische Gesellschaft, die durch die Kirchen (vor allem die katholische) geprägt ist. So, wie andere Kulturen durch ihre Feiertage geprägt sind. Und ich habe auf die theologische Komponente dieser Stillen Feiertage nun verzichtet, weil ich zur theologischen Exegese nicht berufen bin. Und das auch gar nicht sein will.
Überlegt Euch ganz genau, was ihr abschaffen wollt.
Ehrlich gesagt, gerade diese katholischen Feiertage machen mir auch viel Arbeit und Mühe. Ich darf dann jedes Mal wieder mit “meinem” Kirchenchor, bei dem ich im Bass singe, vorher viel üben und habe viel zu tun an diesen Feiertagen. Aber ich mache das gern. Es sind nicht nur religiöse Gründe, ein Gutteil Therapie ist mit dabei.
Es ist mein Flausch, den ich brauche.
Und auch Piraten brauchen Flausch.
Rücksichtnahme ist eine wundervolle Eigenschaft.
Und die Freiheit endet immer da, wo … ach nee, das waren ja nicht die Piraten, sondern das war die olle Luxemburg.
Niemand will doch den Gläubigen die Einkehr verbieten. Aber warum maßen sich die 60% an, ihre Vorstellungen, wie dieser Tag genutzt werden soll, den anderen 40% verbindlich vorschreiben zu wollen?
Lieber Heinz,
ein sehr schöner Eintrag. Ähnliches habe ich mir am Freitag auch gedacht. Soll man doch die Feiertage abschaffen, wenn man schon für Trennung von Kirche und Staat ist… dann würden die Stimmen für die Piraten aber ganz ganz schnell sinken :)
Kann man halligalli feiern, wenn der Nachbar trauert? Es geht ja nicht nur um Karfreitag, sondern auch um Allerheiligen, Totensonntag und Volkstrauertag, also auch um evang. und gesellschaftl. Trauertage. Sie sind schnell abgeschafft, die (Gast-)Wirtschaft würde jubeln, aber genügen nicht 360 Tage im Jahr zum Feiern? Außerdem kann privat, z.B. zum Geburtstag, jeder auch am Volkstrauertag in seinen vier Wänden machen, was er will.