Der Starkbieranstich in München, auch als ‘Nockherberg’ benannt (nach der Spielstätte), ist ein Kult-Ritual in Bayern. Walter Sedlmayr als Bruder Barnabas, später Bruno Jonas, Django Asül und Michael Lerchenberg lesen den Politikern die Leviten. Das übernimmt seit letztem Jahr Luise Kinseher als ‘Mama Bavaria’. Viel war in den zurückliegenden Wochen spekuliert worden, wie das Singspiel wohl dieses Jahr gestaltet werden würde. Dass Luise Kinseher in ihrer Salvatorrede weniger scharf werden würde, sickerte schon im Vorfeld durch, es war auch ein Wunsch der ausrichtenden Paulaner-Brauerei.
Die Zeiten ändern sich und auch wir uns mit ihnen. Das wussten schon die alten Lateiner. Besonders gut war das am diesjährigen Nockherberg zu sehen. In weiten Teilen war die Veranstaltung fad, Luise Kinseher fasste die Politiker mit extra samtigen Handschuhen an – als Stammseher ist man gerade von Django Asül und auch Michael Lerchenberg anderes gewohnt. Gut, Lerchenberg musste nach seiner Rede gehen, in der er Guido Westerwelle Lager-Überwachungsmentalitäten unterstellte. Das war sehr unglücklich. Leider.
Das Singspiel fand früher in einer aufwändigen Theaterkulisse statt- seit ein paar Jahren zollt man hier aber der Moderne Tribut. Letztes Jahr war es angelehnt an Casting-Shows. Dieses Jahr aber war es nur noch schlimm. Der Twitter-User @schreyegg fasste es kurz vor Ende der Ausstrahlung so zusammen: ‘Steril, billig produziert, lasch. Bühnenbild: nicht vorhanden. Auf diesen #Nockherberg kann Bayern verzichten.‘
Das Singspiel war wirklich nicht gut. Die Kulisse war eine Mischung zwischen “Starparade” und “Der große Preis” mit 70er Jahre-Charme. Der Austausch der Merkel-Darstellerin mag zwar ein musikalischer Gewinn gewesen sein, aber wenn man schon austauscht, dann wäre Maria Grund-Scholer erste Wahl gewesen. Sie beweist in Stimme und Gestus seit Jahren bei WDR und NDR, dass sie die Bundeskanzlerin besser drauf hat. Was ein Karl Theodor von und zu Guttenberg in diesem Jahr auf dem Nockherberg zu suchen hat, ist mir auch nicht ganz klar. Er ist nicht mehr aktiver Politiker, also kann man ihn getrost weglassen. Die Pausenclown-Nummern waren auch nicht wirklich lustig.
Die Bundespolitik spielte immer schon in den Nockherberg rein, das ist auch in Ordnung so. Es soll ja beileibe nicht eine bayerische Nabelschau sein und Bayern spielt eine gewichtige Rolle in Deutschland. Ich kann mich auch noch damit anfreunden, dass man Wilfried Kretschmann, dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg eine Rolle ins Spiel geschrieben hat. So richtig bissig war das schwarz-grüne Aufeinandertreffen dann aber auch nicht. Und den Text, den der Kretschmann-Darsteller sang, hat mich abgestoßen. Ein Jahr nach Fukushima auf der Bühne singen zu lassen, dass jemand dankbar ist, dass er wegen Fukushima ins Amt kam, ist hochnotpeinlich. Ich habe mich hingesetzt und den Anfang abgetippt. Bitte:
Fast mein halbes Leben / wartete ich brav
auf das große Beben, / das Fukushima traf.
Mein Handeln war von Anfang an / ganz darauf bedacht
dass eines Tages, irgendwann / ein Kernreaktor kracht.
Zum Glück war das weit weg von hier und die Wirkung war sehr gut
die Strahlung kam nicht bis zu mir, gegen Mappus stieg die Wut.
Ein Jahr ist Fukushima nun her, das Leid in Japan ist immer noch unendlich, gottlob hat die Politik wenigstens bei uns das Umdenken begonnen. Und dann geht man am Nockherberg hin und schreibt eine solche Nummer?
Mir fehlen die Worte. Wirklich.
Vielleicht wäre den Verantwortlichen geraten, einfach mal ein paar Jahre off zu gehen und uns Peinlichkeiten zu ersparen. Und einen solchen Text wie den oben zitierten.
Kein Ruhmesblatt.
Ein bairisches Drama.
Update vom 08.03.2012: Hier finden Sie übrigens einen schönen Live-Blog vom @stadtneurotikr und @Patschbella zu München 7 und dem Nockherberg, beide Sendungen wurden gestern abend teilweise parallel übertragen.
[...] München 7, Bayerischer Rundfunk, Meinungen:: Patsch / Bella / Blog (so viel Eigenlob muss sein), Heinrich graut’s Bildausschnitt: ARD/ Barbara [...]