Nach der Eröffnung der WikiCon startete gleich die erste Diskussion. Falko Wilms begrüßte auf dem Podium Wikimedia-Geschäftsführer Pavel Richter, Verena Parzer-Epp, Ting Chen und Professor Roland Alton.
Alle Teilnehmer waren sich einig, dass die Freiheit des Internets nicht nur in Staaten wie dem Iran bedroht ist, sondern auch bei uns in Deutschland*. Und das nicht nur durch ACTA und vergleichbare Gesetzesvorhaben.
Wichtigste These von Pavel Richter: Viele Menschen haben Probleme mit der Freiheit, auch mit der Freiheit des Internets und – gerade auch Lehrer betreffend – mit Wikipedia.
Professor Alton wies darauf hin, dass die Gefahr der Bequemlichkeit der Unfreiheit Vorschub leistet. Bestes Beispiel: Facebook. Viele Jugendlich kennen sich nicht mehr mit eMail aus, stattdessen bittet man: „Schick’s mir doch via Facebook.” Damit ist klar, dass Zuckerbergs Netzwerk dazu beiträgt, dass die Nutzergruppen unter sich bleiben.
Parzer-Epp findet die Kommerzialisierung des Netzes nicht schlimm, findet aber die Gratisangebote der Majors gefährlich, die mit den Daten ihrer Nutzer Handel treiben.
Erster Einwurf aus dem Publikum: Das Urheberrecht ist sinnvoll, aber die Willkür bei der Verschärfung treibt ihm die Zornesröte ins Gesicht.
Zweiter Einwurf: Industriepatente laufen nach 20 Jahren ab, Erben von Urhebern, die nichts geleistet habe, sollen beschnitten werden.
Pavel Richter entgegnete, dass es nicht mit den 70 Jahren ab Entstehung des Werkes getan ist, sondern dass die Schutzfrist erst mit dem Tod des Autors beginnt.
Bei Wikipedia ist das anders: Die Medien unterliegen einer freien Lizenz, aber das Urheberrecht bleibt beim Urheber.
Nur mit vielen Freiwilligen kann die Wikipedia mit gemeinfreien Werken anwachsen. Richter dankte allen, die jetzt schon mitmachen und freute sich, dass sich Menschen aus allen Bereichen engagieren.
Aus Reihen der Zuhörer wurde kritisiert, dass es im Gegensatz zu früher vielen keinen Spaß mehr macht, Artikel zu schreiben. Früher schrieb man den Artikel und stellte den Artikel online. Heute würden viele Artikel zu schnell mit der Relevanzkeule erledigt. Grade die Schweizer und Südtiroler plädierten für mehr Freiheit im Netz.
Alton sprach davon, dass es keine wirkliche Demokratie mehr in der Wikipedia gibt. Vielmehr habe sich über die Jahre eine Aristokratie der Etablierten entwickelt, die Innovation und Artikelvielfalt verhindere und zu Edit Wars führe.
Der Wikipedia-Admin „southpark” pflichtete Pavel Richter bei, der sagte, dass es wichtig sei, dass Wikipedia-Autoren nicht frei in der Gestaltung ihrer Beiträge seien. Nur so könne eine hohe Qualität der Online-Enzyklopädie gewährleistet werden.
Weiterer Kritikpunkt aus dem Publikum: Viele Eingangskontrolleure hätten zu wenig Ahnung, wenn es um spezielle Artikel geht und würden aus dieser Unkenntnis heraus gute Artikel löschen.
Pavel Richter verteidigte das Thema: In vielen Fällen käme nach einer Diskussion ein besserer Artikel raus.
Auch der Umgangston innerhalb des Netzwerkes lasse oft zu wünschen übrig. Oder, wie es ein User sagte: „Jetzt wissen wir, warum der Wikipedianer in vielen Erdteilen Freunde hat, in seiner Nachbarschaft aber nicht.”
Viel Stoff also für die kommenden Tage in Dornbirn.
Die Wikicon versammelt über 200 Freiwillige, die für Wikipedia schreiben und bringt auch immer wieder den Trägerverein Wikimedia e.V. und die Basis zusammen.
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*Deutschland steht hier für das Gebiet der deutschsprachigen Wikipedia.
ich glaub es war von “meritokratie” die rede – die Herrschaft durch verdienst ist schon was grundlegend anderes als die Herrschaft aufgrund der Geburt.