Als Frau Lehrerin werden? Im ausgehenden Kaiserreich fast unmöglich. In der Zeit des Nationalsozialismus, zumal als Jüdin, ein Unding. Hilde Schramm, ehedem alternative Abgeordnete des Berliner Abgeordnetenhauses und Tochter von Albert Speer, hat ein Buch über eine bemerkenswerte Lehrerin geschrieben, über ihre Lehrerin. Dr. Dora Lux. Bei einer Lesung im Evangelischen Bildungswerk München stellte sie die bemerkenswerte Persönlichkeit vor. Die Lesung war eine Kooperationsveranstaltung zwischen Nachbarschaftlich leben für Frauen im Alter e.V., dem Evangelischen Bildungswerk München e.V. und der Evangelischen Stadtakademie München.
Dora Lux war rebellisch und klug. Auf diese beiden Eigenschaften kann man sie reduzieren, wenn man sie reduzieren muss. Man sollte sie aber nicht reduzieren, sondern lieber das Buch von Hilde Schramm lesen, um die ganze Person zu erfassen. Man kann die Vielschichtigkeit nicht in einem Artikel wiedergeben, den Versuch unternehme ich auch gar nicht. Einige Ausschnitte aus der Veranstaltung, Lesung, Diskussion sollen Ansporn sein, dieses Buch zu kaufen. Hilde Schramm zu ihrer Faszination an der Person Dora Lux, die sie selber als Lehrerin im Nachkriegsdeutschland hatte:
Hilde Schramm lernte Dora Lux im Nachkriegsdeutschland kennen, sie hat sie als alte Frau in Erinnerung, die noch weit bis ins siebte Lebensjahrzehnt unterrichtete. Lux hatte als eine der ersten Frauen auf Lehramt studiert, sie promovierte in München, das damals schon progressiver war als der Rest der Republik, war verheiratet mit Dr. Heinrich Lux, einem Physiker und Publizisten, Patentanwalt und Freimaurer. Schramm hat akribisch zusammengetragen, was sie von Zeitzeugen bekam.
Wie subtil die Diskriminierung von Juden schon in Kaisers und Preußens Zeiten war, verdeutlicht Schramm bei ihrer Lesung, wenn sie von der Gestaltung der Zeugnisse berichtet. Als erstes kam Religion …
Dr. Dora Lux hat die Nazizeit in Deutschland nahezu unbehelligt überlebt. Grund hierfür war der seltsam anmutende Widerstand, den Lux übte. In der Gesetzgebung des Dritten Reiches, so Schramm, stand in den Paragraphen, die Juden betrafen, oft das Wort „unaufgefordert”. Vielleicht ist das einer der Gründe, dass Dora Lux die Nazizeit überlebte: Sie meldete sich nicht, hatte anfangs schon Kennkarten unwahr ausgefüllt – und: Sie hatte wohl sehr viel Glück, dass keiner der Nachbarn sie denunzierte. Zum privilegierten Judentum gehörte Lux nicht:
Auch die Ehe von Dora Lux mit Heinrich berücksichtigt Hilde Schramm. Sie lässt aus den Erinnerungen von Heinrich in das Buch einfließen:
Wie gesagt, in diesem Blog das Buch und die Lesung umfassend darzustellen, würde den Rahmen sprengen. Die Audiobeispiele sollen aber Lust machen, das Buch zu kaufen und zu lesen.
Bibliographische Angaben:
Hilde Schramm. Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux
gebundene Ausgabe, 432 Seiten, 19,95 Euro, erschienen bei Rowohlt.
Die Buchhandlung Avicenna in der Amalienstraße 91, München, hat das Buch in größeren Stückzahlen vorrätig.
Disclaimer: Ich danke Hilde Schramm und dem Evangelischen Bildungswerk München, dass ich die Lesung mitschneiden durfte.
Ich habe weder ein Rezensionsexemplar erhalten noch stehe ich in geschäftlichen Beziehungen zur genannten Buchhandlung.
Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat zusammen mit seinem ältesten Sohn Jonas ein Buch geschrieben. Im Dialog unterhalten sie sich, was bei einem Bischof naheliegt, über den Glauben. Jonas Bedford-Strohm ist 20 Jahre alt und studiert in Heidelberg evangelische Theologie.
Das Buch „Wer’s glaubt, wird selig” entstand aus dem Gespräch von Vater und Sohn, aufgenommen im Familienurlaub 2012 mit einem Smartphone. Sohn Jonas hat es verschriftlicht und der Vater es gegengelesen. Im Presseclub München haben Vater und Sohn Bedford-Strohm einige Passagen vorgetragen und Fragen beantwortet.
In acht Kapiteln von Glück über Glaube bis hin zur Spiritualität steht der Vater dem unbequemen Sohn Rede und Antwort.
Die entspannte Art, mit der der Landesbischof mit seinem Sohn gelesen hat, zeigt auch, wie sehr das Verhältnis beider in der Familie geprägt ist. Es lässt erahnen, dass sie sich im Urlaub ernsthaft mit auch intimen Fragen zum Glauben auseinandersetzen. Besonders fällt dabei die Beschreibung seiner Jugend ins Auge, die Jonas Bedford-Strohm im Vorwort schildert:
Ausgehend von diesem Vorwort und der Situation des Bischofssohnes kann man den Weg nachvollziehen, den Jonas gegangen ist. Es war, so sagte er es auch freimütig, die Kirche seines Vaters, nicht seine Kirche. Jonas sieht es selber als erstaunlich an, dass er heute Theologie studiert. Gleichzeitig betont er aber, nicht Pfarrer werden zu wollen. Er hat durch das Schreiben des Buches Gefallen am Journalismus gefunden.
Das Verhältnis von Jonas zur Kirche vom Papa hat sich durch die Beschäftigung mit dem Thema auch verändert, wie mein Kollege Benjamin Neudek herausfand:
„Wer’s glaubt, wird selig” endet mit einer Frage- und Antwortrunde zum Vaterunser. Nicht nur deswegen kann das Buch Hilfe sein in (evangelischen) Glaubensfragen. Die brillante Theologie des Landesbischofs, vordem Professor für Systematische Theologie in Bamberg, mischt sich in verständlicher Form mit den Fragen seines Sohnes, Vertreter der Jugend. Ein gelungenes Werk, das mir alleine durch die sympathische Vorstellung von Heinrich & Jonas Bedford-Strohm wichtig sein wird.
Der Verleger Manuel Herder, zu dem der Kreuz-Verlag gehört, findet die Form interessant, in der über Gott gesprochen wird. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Bibliophile Angaben:
„Wer’s glaubt, wird selig” ist im Kreuz Verlag erschienen, 192 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-451-61193-3, 17,99 € (D), 18,50 € (A)
… Klaus Hoffmann schreibt aus seinem Leben: Hoffmann, Liedermacher und Schauspieler, hat seine Autobiografie vorgelegt. Autobiografie ist übertrieben. Hoffmann erzählt. Klaus macht also, was er am besten kann. Hoffmann erzählt Hoffmanns Erzählungen.
1979 habe ich mir die erste Hoffmann-Platte gekauft: Westend.
Blende.
Es ist Mitte der 90er Jahre. Klaus Hoffmann hat mich über all die Jahre mit seiner Musik begleitet.
Ich sitze in einem Hörfunk-Studio, den Traum des Radio-Redakteurs habe ich mir erfüllt. Neben dem alltäglichen, politischen Geschäft will ich mir was Eigenes aufbauen. Neben der täglichen Politik in einem solchen Betrieb will ich was Besonderes setzen. Das Radio gibt mir eine Möglichkeit. Ich kann auf Radio-Ticket zu Veranstaltungen gehen, die ich als Privat-Mensch teuer bezahlt hätte. Ich sitze da, habe ein paar Fragen vorbereitet und das Interview geht in eine ganz andere Richtung. Es war ein wundervolles Interview. Aus den besten Passagen und den Songs von Klaus Hoffmann habe ich eine Sendung gebastelt. Und manchmal möchte ich mich dafür ohrfeigen, dass ich diese Sendung irgendwann aus meinem Archiv geworfen habe.
Als ich das Radiomachen aufhörte, habe ich lange Jahre weder Klaus noch seine Kollegen gehört.
Klaus Hoffmann hatte in den 90ern bei seinen Konzerten ein Alter Ego, von dem er erzählte. Lachmann. Dieser Lachmann machte eine Ausbildung und erlebte, naja, sagen wir mal, seltsame bis komische Dinge in seiner Kindheit und Jugend.
Der erste Roman von Klaus, den ich gelesen habe, war „Afghana”. Erinnerungen an diese phantastische Reise, bei der Hoffmanns Alter Ego, Lachmann nach der Lehre mit dem von seinem Stiefvater geschenkten Käfer und seinem Kumpel bis Afghanistan reist. Ohne von dem nun vorliegenden Werk ablenken zu wollen: Lesenswert. Und die Bühnenprogramme: Hörenswert.
Warum?
Der Grund ist simpel, aber bestechend: Klaus Hoffmann reißt in „Als wenn es gar nichts wär…” die Schauspieler-Maske manchmal schonungslos runter. Man merkt, dass der Lachmann der frühen Bühnenjahre doch niemand anders als er selbst war. Damals überspitzt, pointiert, heute abgeklärt. Der Wendepunkt dieser Entwicklung mag seine Auseinandersetzung mit Jacques Brel gewesen sein. Brel war einer der Väter dieses Klaus Hoffmann, er war der Übervater. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Hoffmann ein One-Man-Musical auf die Bühne des Schiller-Theaters gehievt. Musikalisch war das ein Befreiungsschlag. Spätestens, seit er Malene geheiratet hat, singt er nicht mehr so trauriges Zeugs, wie er selber in einem späteren Tourprogramm zugibt. Das Buch von Klaus Hoffmann erzählt in einzelnen Kapiteln, mit vielen Blenden seinen Werdegang. Seine Zweifel, seine Hoffnungen, seine Erlebnisse. Mir waren viele Erlebnisse neu. Zugegeben: Ich habe Klaus Hoffmann immer mehr, fast ausschließlich, als Chansonnier wahrgenommen. Der Schauspieler war mir nie präsent. Wohl auch deshalb, weil ich damals zu jung war und die Filme heute wohl nicht mehr im Fernsehen kommen.
Atmosphärisch dicht zeichnet Hoffmann seine Stationen nach. Erzählt aus der wilden Zeit, als er seine Schauspielausbildung machte, aus dem Leben auf Tour. Aus der Zeit als behütetes Kind, aus der Zeit, als er gesetzter wurde. Und doch: Am Ende des Buches weiß man, dass dieser Hoffmann nicht gesetzt ist. Da mag auch dazu beitragen haben, dass er irgendwann seiner Plattenfirma „Adé” sagte und sein Unternehmen „stille – musik” auf eigene Beine stellte, sich selbst produzierte.
Sie merken, dass ich den Literaten Hoffmann kaum vom Klaus Hoffmann, Chansonnier, trennen kann. Oder anders gesagt:
Für echte Hoffmann-Fans ist das Buch ein Muss. Für diejenigen, die Hoffmann noch nicht so richtig kennen, ist das Buch ein interessanter Einstieg in den Kosmos (von) Klaus Hoffmann.
Wenn Sie nun nicht zu dieser Klaus-Hoffmann-Liedermacher-Fraktion gehören, aber dennoch Lust haben, sich verführen zu lassen – und vielleicht über das Buch zur Musik kommen wollen, dann empfehle ich dieses Buch. Es ist eines dieser Werke, die ich an beliebiger Stelle aufschlagen kann und einfach weiter lese.
Ja, und ich weiß, dass ich als Rezensent eines Buches heute kläglich versagt habe. Aber Klaus Hoffmann ist mehr als dieses Buch, mehr als alle Bücher, mehr als alle Lieder. Er ist Getriebener. Für mich war er immer Wegbegleiter. Und deswegen lese ich aus seinem leben so gerne. Hoffmann macht Mut, sich auf eigene Beine zu stellen, seinen Weg zu gehen. Vielleicht lese ich dieses Buch deshalb so gerne, weil ich reflektieren kann.
Bibliographische Angaben:
Klaus Hoffmann – Als wenn es gar nichts wär – Aus meinem Leben
Gebundene Ausgabe, 368 Seiten, 19,99 €
ISBN: 978-3550088513, erschienen bei Ullstein.
Lesen Sie auch meinen Beitrag zum Album „Berliner Sonntag”.
In meinem Blog habe ich nun 201 Artikel selber geschrieben. Zu den unterschiedlichsten Themen. Ein Bereich kommt zu kurz: Das Essen. Ich habe mich dran ausprobiert, aber es ist nicht meine Domäne. Dafür möchte ich Ihnen mit einem Gastbeitrag meine Kollegin Silke-Katinka Feltes vorstellen. Sie hat sich nun selbständig gemacht und betreibt das Textbüro Foodart. Dort schreibt sie über das Essen und bietet auch ihre Dienstleistungen an. Zum vollständigen Artikel mit Lesung von Stevan Paul auf der Homepage von Silke-Katinka Feltes gelangen Sie hier.
Neulich las der Foodjournalist Stevan Paul in der wunderbaren Buchhandlung Moths in München aus seinem neuen Buch Schlaraffenland. Kurzgeschichten aus der großen weiten Welt der Kochens und des Essens. Literatur, Küchenkunst. Im alltäglichen sozialen Miteinander stelle ich dagegen immer wieder fest, wie unbekannt das Genre Foodjournalismus ist.
Mitten in der Woche. Herbst. Die Sonne scheint. Gerade noch rechtzeitig kommt das Auto aus der Werkstatt, ich rase durch den halben Landkreis, um die Kinder für die Nacht bei Freunden unterzubringen. Die Eltern der Freunde gucken mich merkwürdig an. Ja doch, eine Lesung in München, ein Foodblogger. Nein, der hat ein Buch geschrieben. Nein, keine Kochrezepte. Ja was denn dann?
Wer sich auf Food-Journalismus spezialisiert oder Foodblogger ist, erntet bestenfalls Desinteresse, manchmal Überheblichkeit, oft Miss- oder Unverständnis. „Ach, weißt du, Essen interessiert mich nicht so,“ oder „Okay, ein gutes Rezept kann ich schon gebrauchen“. Soweit zumindest außerhalb der Foodblogger-Szene. Der literarische Anspruch scheint im Allgemeinen nicht mit dem Primärbedürfnis der Nahrungsmittelzuführung zusammen zu passen. Kochen und Schreiben, Genießen und Intellekt, zwei Gegensätze, so scheint es. Wie gut, dass die heutige Lesung das Gegenteil beweist.
Stevan Paul, Koch, Foodstylist (ja, sowas gibt’s auch), Journalist, Autor. Eine Größe in der Szene. Nach „Monsieur, der Hummer und Ich“ stellt er heute sein zweites Buch „Schlaraffenland“ vor. Unterhaltsam tut er dies, humorvoll, mit einer Portion Selbstironie und mit einem gewissen komödiantischen Talent. Alles andere als eine trockene Lesung ist es, zumal auch Weißwein gereicht wird. Drei Kurzgeschichten liest er, von Menschen auf der Suche nach Genuss, von ihrem Scheitern, von ihren Überlebensstrategien in einer harten, weil oft dogmatischen Branche.
„Mit hintergründigem Sprachwitz und klugem Humor erzählt Stevan Paul in 15 neuen Kurzgeschichten pointiert von der Suche nach dem modernen Schlaraffenland“, so steht es auf dem Klappentext. Stimmt. Wer mag kann sich hier eine der Geschichten, gelesen von Stevan Paul himself, anhören. Eine Geschichte über Foodblogger, Facebook und über die Scham aus Liebe minderwertiges Hackfleisch kaufen zu müssen. Voila!
Essen und Genuss, so viele Themengebiete tun sich da auf: Historische, kulturwissenschaftliche, soziologische, ökonomische, kulinarische, emotionale, anthropologische und eben auch literarische.
Essen kann soviel mehr als reine Nahrungsaufnahme sein. Nämlich ein sinnliches, emotionales und intellektuelles Vergnügen! Mit der Erforschung der Esskulturen nähert man sich immer auch dem Wesen eines Landes und dem Charakter der Menschen, sowohl der Kochenden, der Genießenden oder der einfach nur Essenden. Über all diese Themen, Fakten, Geschichten und Ereignisse schreibt und berichtet der Foodjournalist. Literarische Freiheit können sich darüber hinaus die Foodblogger erlauben. Und wenn man dann noch Glück,Talent und Kontakte hat, wird vielleicht ein Roman oder ein Kurzgeschichtenbuch daraus. Womit wir wieder bei Stevan Paul wären. In seinem Buch finden sich fiktionale, seelenwärmende, kurzweilige Geschichten, unterbrochen durch das zur jeweiligen Geschichte passende Rezept. Küchenkunst.
Zum Schluss zwei persönliche Bekenntnisse: Ich habe nie gerne gekocht. Aber ich esse verdammt gerne. Hätte ich genügend Geld, würde ich immer kochen lassen. Habe ich aber nicht. Daher muss ich wohl oder übel selbst Hand anlegen. Und da ich äußerst anspruchsvoll bin, muss ich halt äußerst gut kochen. Letztes Jahr in Singapur bin ich drei Monate lang dreimal täglich essen gegangen und habe nicht eine Sekunde das Kochen vermisst. Im Gegenteil!
Zweitens: Worte sind mir wichtiger als Essen. Ich ziehe meinen imaginären Hut tiefer vor großer Literatur als vor begnadeten Köchen.
Ein älterer Mann, geschieden, sozial abgerutscht in das Milieu eines Arbeitslosengeld-2-Empfängers, verwahrlost, in einer vermüllten Wohnung lebend, findet ein Kind in einer Mülltonne. Das ist der Ausgangspunkt des Romanes „Glückskind” von Steven Uhly.
Fein geschildert, entwickelt der Autor eine Geschichte, die erst als Gegenwarts-Drama erscheint, sich dann aber zu einem Gegenwarts-Märchen entwickelt.
Hans D. hat alles verloren: Familie, Arbeit, ja, auch den Glauben an sich selbst. Nach dem Aufwachen streift sein Blick durch die Wohnung. Dicke Staubschichten abseits der Pfade, die er zwischen Bett, Toilette, Kühlschrank und Couch geht. Müll. Chaos. Das Wohnungsinnere als Spiegel des Inneren dieses Hans D. Er selber ist seit langer Zeit unrasiert und ungewaschen, er trägt immerzu dieselbe Kleidung. Beim Anschalten des Radios fällt ihm siedend heiß ein, dass er seinen Weiterbewilligungsantrag auf staatliche Leistungen ausfüllen zu müssen, sonst fällt er noch eine Stufe tiefer und wird zum Obdachlosen ohne Wohnung. Und doch schiebt er den Antrag hinaus. Was als Paradoxon erscheint, dass er nicht das Dringlichste zu erst erledigt, sondern beginnt, Müll aus der Wohnung zu den Tonnen zu schaffen, ist nicht nur die Flucht vor dem Unangenehmen, das vermeintliche Setzen von falschen Prioritäten, das Aufschieben, damit der Druck noch größer wird und als Betroffener das Gefühl hat, etwas geleistet zu haben und aus diesem Druckgefühl heraus eine Art von Stolz zu empfinden. Dieses vermeintliche Paradoxon wird zur Wendung der Geschichte. Hans D. packt sich vier Müllsäcke und schleicht zum Aufzug:
Hans D., ein älterer Mann, nimmt dieses Kind an. Und aus seiner verschüttet geglaubten Erinnerung fällt ihm ein, was ein so kleines Kind braucht: Kleidung, Nahrung, Zuwendung. Keinesfalls mechanisch, eher seine Situation überdenkend, aber das Herz für das Kind geöffnet, nimmt er seinen Mantel, seinen Geldbeutel, das Kind unter dem Mantel und will das Nötigste einkaufen. Vor dem Laden schämt er sich, dass er ungepflegt ist, stinkt und kann das Geschäft nicht betreten. Er bittet einen Jungen, der vorbeikommt, für ihn in den Laden zu gehen und vertraut ihm den Geldbeutel an. Arthur, der Junge, lässt sich von einer Verkäuferin beraten und hilft Hans D. noch, die Sachen für das Baby bis zur Haustür zu tragen.
Mit diesen Worten verabschiedet sich Hans D. vom jungen Arthur, betritt seine Wohnung, will das Kind versorgen und erkennt das nächste Problem: Er hat zwar Babymilch, aber keine Flasche. In einer Schublade unter dem Fernseher findet er noch einen Schnuller seiner eigenen Kinder, die ihn verlassen haben. Eine leere Bierflasche, notdürftig ausgespült, Tesafilm und dieser Schnuller werden zum Babyflaschen-Ersatz.
Nachdem er Felizia, so nennt er das Baby, denn es hat „heute viel Glück gehabt”, versorgt hat, legt er es zum Schlafen auf sein Bett und geht noch das Nötigste einkaufen. Kleidung, Babyfläschchen und einen Tragegurt. Nach der Heimkehr, zwei Stunden hat es gedauert, fällt ihm wieder der Antrag ein. Denn sonst bekäme er kein Geld mehr. Geld, dass er nicht nur für sich, sondern auch für Felizia braucht. Ein Briefkuvert findet er noch, eine Briefmarke aber nicht mehr. Ihm fällt der Zeitungsladen gegenüber ein. Aber vorher muss Hans D. erst einmal Felizia versorgen. Dann kleidet er sie an, legt sich den Tragegurt um, das Kind hinein, zieht den Mantel an und geht zum Kiosk von Herrn Wenzel. Hier beginnt Hans D., sich zu öffnen:
Steven Uhly las selber in der Buchhandlung Literatur Moths aus seinem Roman. Anschließend stellte er sich den Fragen der Lesungsteilnehmer. Uhly hat es in seinem Roman verstanden, das Märchenmotiv in die raue Wirklichkeit Deutschlands im Jahre 2012 zu heben und es mit der Wirklichkeit aufeinander prallen zu lassen:
Zum ersten Mal wurde Steven Uhly selbst mit Glücksmärchen konfrontiert, als er seiner Tochter erzählen musste. In diese Zeit fällt auch die erste Meldung über ein ausgesetztes Kleinkind, die er als junger Vater in der Zeitung las:
Neben der Glücksgeschichte der kleinen Felizia entwickelt sich der Roman von Steven Uhly auch zu einer Glücksgeschichte für Hans D. Meine Empfehlung: Lesen! Uhly beschreibt fein beobachtet die Wandlung des Hans D., die Anteilnahme des Hauses, in dem er wohnt, am Schicksal von Felizia. Ein Gegenwartsmärchen, das durch den scheinbaren Gegensatz lebt und sich zu einer Glücksstory entwickelt.
Ich danke Steven Uhly für die Erlaubnis, aus seiner Lesung Mitschnitte zu präsentieren, seinem Verleger Christian Ruzicska von „secession – Verlag für Literatur” für die Vermittlung und ein Rezensionsexemplar, sowie dem Team der „Buchhandlung Literatur Moths” für einen wie immer gelungen Lesungsabend.
Bibliographische Angaben: Steven Uhly „Glückskind”, ISBN 978-3-905951-16-5
erschienen bei secession, Verlag für Literatur, 245 Seiten, 19,95 € (D)
Tipp für München und Umland: Sie können das Buch auch online bestellen, zum Beispiel bei Literatur Moths. Entweder schicken lassen oder selbst abholen, das Ambiente der Buchhandlung lädt dazu ein.
Gibt es noch den großen Familienroman, der eingebettet in zeitliche Koordinaten anhand persönlicher Lebensläufe Geschichte nachvollziehbar macht? Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet ja.
„Goldmacher” von Gisela Stelly ist so ein Roman. Kurz nach der Wirtschaftskrise werden 1924 Anton und Franz geboren. Anton Bluhm erblickt in Hannover das Licht der Welt. Er ist Sohn eines Papiermachers, der pleite geht. Franz Münzer kommt in München zur Welt. Sein Vater ist Bankier, interessiert sich für Okkultismus und das Wunderliche. Hier kommt die erste zeitgeschichtliche Komponente ins Spiel: Der Okkultismus und das (vermeintliche) Geheimwissen, im Dritten Reich vor allem von Heinrich Himmler gepflegt. Die Nazis waren auch geblendet und verführt von der Alchemie. Bei Starnberg wurde mit der industriellen Produktion von Gold experimentiert. Es liest Gisela Stelly:
Gold. Nach Dichte und Gewicht bestimmt.
Vater Bluhm zeichnet begeistert Anteile, will er doch auch zu den Karrieristen und Gewinnlern gehören. Fatale Folge: Seine Papierfabrik geht pleite. Schon seit längerer Zeit musste er Aufträgen und zahlungssäumigen Kunden hinterherfahren. Goldmacher ist ein fein gewobener Roman, der fünf Jahre brauchte, um zu entstehen, wie Gisela Stelly im Interview erzählt. Ist sie selber technikgläubig?
Zurück zum Roman. Während Franz von seinem Vater in die Obhut eines Erziehers gegeben wird, der ihm die Liebe zu Geheimwissen anzuerziehen versucht, macht Anton mit zehn Jahren ganz andere sinnliche Erfahrungen. Es liest Hildegard Schmahl, Ensemblemitglied an den Kammerspielen:
In der Hitlerjugend lernen sich Franz und Anton kennen. Franz, der an Wunderwaffen glaubt und daran, dass der Endsieg die Opfer rechtfertigt. Und Anton, der das Buch „Moby Dick” von seinem Vater zum Geburtstag geschenkt bekam. Ein Buch, das im Dritten Reich verboten war. Hier beginnt das Ringen der beiden Geister, des hörigen und des aufklärerischen.
In einer Zwischenblende erfahren wir, was aus dem Goldmacher vom Starnberger See geworden ist. Nazischergen haben ihn privilegiert mit Leidensgenossen interniert, er soll Geld statt Gold machen. Wenn er genügend Geld produziert hat, das der Feind nicht als Fälschung entlarvt, verspricht ihm der SS-Lagerkommandant die Freiheit. Friedrich glaubt nicht daran. Missgeschicklich verschüttet er eine wichtige Mixtur zur herstellung des Falschgeldes und wird von einem Bewacher getötet. Die Protagonisten des Romans erleben Krieg, Elend, Gefangenschaft, den Wiederaufbau Deutschlands, heiraten, situieren sich. Franz immer noch revisionistisch angelegt, Anton als Aufklärer. Und doch: Immer einander verbunden und durchaus zugetan. Sie verbringen einen gemeinsamen Urlaub in Rom. Der folgende Ausschnitt, den wieder Hildegard Schmahl liest, spielt weit nach Mitternacht bei Gin Fizz und zeigt die Meinungsführerschaft von Anton Bluhm:
Anton Bluhm steigt in den Nachkriegsjahren zu einem der bedeutendsten Blattmacher Deutschlands auf. Und hier wird die Familiengeschichte greifbar. Gisela Stelly verriet mir im Interview etwas:
Wer sich biografische Details oder intimere Erkenntnisse über Rudolf Augstein erwartet, wird von diesem Buch nicht bedient. Es ist der große Roman, der anhand biografischer Anlehnungen Geschichte erfahrbar macht. Geschichte zwischen zwei Wendepunkten, der Wirtschaftskrise der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts und dem Attentat auf das World Trade Center 2001. Unbedingt zu lesen. Für mich steht der Roman ebenbürtig neben Heinrich Manns „Der Untertan”, an den mich einige Szenen erinnerten. „Goldmacher” ist ein dynastisch angelegter Roman. Und damit, wie Silke Behl von Radio Bremen das einordnet, auch in einer Reihe mit Thomas Manns „Buddenbrooks” zu sehen.
Goldmacher ist erschienen bei Arche, 415 Seiten, 24,95 Euro.
Wenn Sie in München und Umgebung wohnen, können Sie den Roman bei der Buchhandlung Literatur Moths online bestellen und das beim Abholen mit einem Besuch dieses Kleinods verbinden. Und sich auch gerne als Teilnehmer für eine Lesung vormerken lassen.
Zur Homepage von Gisela Stelly gelangen Sie hier.
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Disclaimer: Ich stehe in keinerlei abhängiger Beziehung zur Buchhandlung Literatur Moths. Mein Exemplar des Romans Goldmacher habe ich dort erworben und an der Lesung teilgenommen. Ich schätze das Ambiente der Buchhandlung, die Betreiberinnen und das Engagement, Literatur erlebbar zu machen.
Mein besonderer Dank gilt der Buchhandlung Literatur Moths und Hildegard Schmahl, die mir ohne Zögern und Einwände gestattete, aus ihrer wunderbaren Lesung zu publizieren.
Der Journalismus unterliegt einem Paradigmenwechsel. Sehr gut lässt sich das an der Hilflosigkeit der Verlage ablesen, die für ein Leistungsschutzrecht plädieren, weil sie bislang kein Erlös-Modell gefunden haben, mit dem sie im Internet Geld verdienen können.
Medien produzieren ist die eine Seite, Medien zu konsumieren ist die andere. Denn auch Leser, Hörer, Zuschauer stehen vor dem Problem, dass sich die Parameter ändern. Für beide gleichermaßen, aber besonders für junge Medienschaffende, ist der Band „Medien verstehen” aus der Reihe „Wegweiser Journalismus” geeignet.
Dr. Gabriele Goderbauer-Marchner ist Professorin für Print- und Online-Journalismus an der Universität der Bundeswehr in München. Sie hat Journalismus von der Pike auf gelernt, von der Volontärin in Landshut bis hin zur Chefin vom Dienst. Über Würzburg und Chemnitz führte ihr Weg nach München.
In dem Band „Medien verstehen” vermittelt Goderbauer-Marchner wichtige Merkmale der Medienwelt. In zehn Kapiteln geht sie auf die Faszination der Branche ein, zeichnet den Weg von der Zeitung zum Internet, beleuchtet den journalistischen Alltag und vermittelt Hintergrundwissen zum Bereich Medien. Dieses Kapitel ist besonders interessant, da die Autorin viele Hinweise auf Anlaufstellen für die unterschiedlichsten Arbeitsbereiche von Medien gibt.
Das letzte Kapitel, „Journalismus 2.0” zeigt in einer kleinen Zusammenfassung die Positionen auf, für die auch Goderbauer-Marchner steht: Qualitätsjournalismus hat es schwer. Aber er ist notwendiger denn je. Daran wird auch die derzeit oft anzutreffende Kostenlos-Mentalität nichts ändern, die durch die Anfangsjahre der Verlage im Internet gefördert wurde. Machen wir uns nichts vor: Der Weg dahin ist lang. Aber Gabriele Goderbauer-Marchner plädiert leidenschaftlich und mit starken Argumenten dafür, diesen Weg zu gehen:
„Wenn alle schlecht reden über den Journalismus, wird das nichts mit dem Journalismus. Die Zeit des Sich-selbst-Bemitleidens muss vorbei sein. Auf zu mutigen Taten und kreativen Ufern!” (Zitat aus Medien verstehen)
Das Buch ist jedem Medienschaffenden ans Herz zu legen, besonders Neu- oder Wiedereinsteigern.
Wegweiser Journalismus, Band 10, UVK Verlagsgesellschaft mbH, 154 Seiten, broschiert, 14,99 € (in Deutschland, in Österreich: 15,50 €)
ISBN 978-3-86764-229-3.
Der Markt an Kochbüchern ist schier unerschöpflich. Ob italienisch, vegetarisch, deftig oder Haute Cuisine – für jeden Geschmack und Anlass haben die Lafers, Schuhbecks und Wieners dieser Welt Rezepte bereit. Mag sein, dass das den Massengeschmack befriedigt. Kochen ist aber auch immer eine sinnliche Erfahrung. Wer erinnert sich nicht, wie früher Mama oder Oma am Herd standen und liebevoll in manchmal stundenlanger Kleinarbeit das Mittagsmahl für die Familie zubereit haben?
Reinhard Michl hat bei Literatur Moths nun sein Kochbuch vorgestellt. Ein „Bayrisches Kochbuch”. Michl ist Illustrator, hat auch schon für den Bayerischen Rundfunk gezeichnet. Neben seiner Arbeit hat er eine Leidenschaft für das Kochen entwickelt. In seinem Kochbuch taucht er in seine Kindheit ab:
Michls Bayrisches Kochbuch ist kein Kochbuch – im klassischen Sinn. Es ist Sinneserfahrung. Was die Schuhbecks und Wieners dieser Welt mit tollen Variationen über Essen schaffen wollen, das macht Reinhard Michl anders. Bodenständig, wie man das von echten Bayern erwarten darf.
Fische habens Reinhard Michl angetan. Er hat in seiner Kindheit selber gefischt, abseits von Anglerschein und Verordungen. In seiner Lesung streift er auch diese Kindheitserinnerungen zwischen Altmühl und Donau.
Längst hat sich der Illustrator davon verabschiedet. Seine Kocherfahrung beschreibt er so:
Und doch: Immer wieder merkt man in seinem Buch, dass es nicht nur um die Nahrungsaufnahme geht, sondern um das Entstehen guten Essens. Und das hat er schon als Kind einüben dürfen. Wenn der schwere Stuhl, der dem Gewicht des örtlichen Metzgers angemessen war, ihm als Zeichenpult und als Kochplatte diente:
Reinhard Michl hat Wurzeln, die im Egerland liegen. Das mag nicht nur als Hinweis dienen, sondern auch als Zeichen.
Lesens- und erkochenswert!
Das Bayerische Kochbuch umfasst 160 Seiten mit Illustrationen vom Autor Reinhard Michl. Es ist erschienen im Gerstenberg Verlag und kostet 19,95 Euro.
Besonderer Tipp: bei Literatur Moths in der Rumfordstraße München sind in den nächsten Tagen noch einige der Illustrationen im Original zu sehen.
Tatort:
· Münchner Osten, „upside east”, neunter Stock.
Tatzeit:
·19 Uhr
Tatbeteiligte:
· Alexander Dobrindt, Generalsekretär der CSU
· Edmund Stoiber, Ehrenvorsitzender der CSU, ehedem Ministerpräsident
· Volker Klüpfel, Autor
· Michael Kobr, ebenfalls Autor und Kompagnon des Vorgenannten
Tatvorwurf:
· Zusammenschluss zu einer Bespaßungseinheit der Besucher.
Alexander Dobrindt konnte beim CSU-Talk hochkarätige Gäste begrüßen: Die Krimiautoren Volker Klüpfel und Michael Kobr, die die Figur des Kommissar Kluftinger erschaffen haben und den ehemaligen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber. Allen drei Gästen gemeinsam: Sie unterhalten angenehm und kurzweilig. Wenn der Moderator es versteht, die richtigen Fragen zu stellen. Dobrindt schaffte es.
Die „Kluftinger”-Krimis bestehen aus einer Mischung zwischen Kriminalliteratur und Comedy, feiner Beobachtung und Überzeichnung der Charaktere und einer Portion Lokalkolorit.
Dazu kommt, dass die Klüpfel und Kobr auch bei Lesungen höchst komödiantisch vortragen können:
Edmund Stoiber als dritter Gast dieses Talks lüftete ein Geheimnis: Er wird im Herbst ein Buch veröffentlichen. Titel: „Weil die Welt sich ändert”. Untertitel: „Politik aus Leidenschaft – Erfahrungen und Perspektiven”. In der Talkrunde fragte Dobrindt den ehemaligen Ministerpräsidenten und jetzigen EU-Berater:
als junge geboren,
zur schnecke gemacht.
die unschuld verloren,
als mann nur gelacht.
in frauen versunken,
von kindern geträumt.
mit männern getrunken,
das leben versäumt.
nur stehen und reden,
nur wein, schnaps und bier.
schwankend die welt neu bewegen,
dafür stehen wir hier.
wir werden den globus nicht ändern,
kein jota wird wegen uns schwach.
wir brauchen nicht länger mehr reden,
die stadt wird im morgengrau’n wach.
(Das Gedicht wurde 1997 im Band ‘Fünf Stationen Liebe’ veröffentlicht. Autor: Heinrich Rudolf Bruns)
und damit …
Happy Birthday to me. :)
ich kann kein liebesgedicht schreiben,
für dich nicht, und auch nicht für mich.
ich kann die lediglich eines nur sagen:
so, wie du bist, mag ich dich.
ich kann keine worte zu reimen mehr zwingen,
die feder verweigert sich mir.
ich mag dich, ich kann dich gut leiden,
dann, wenn ich dich sehe, wenn ich dich spür’.
ich bin eb’nt kein dichter, kein denker,
nur stammeln ist das, was ich kann.
die worte, gedanken versiegen,
wenn ich deine augen anschauen kann.
ich weiß nichts von metren,
von versen und maß.
verzeih’ mir mein hilfloses streben,
komm, leer’ mit mir das glas.
(Das Gedicht ist 1997 im Gedichtband ‘Fünf Stationen Liebe’ erschienen. Autor: Heinrich Rudolf Bruns)
ein mensch fährt auf ‘ne flamme ab
und denkt: die bringt mich voll auf trab.
solang er sie nicht sicher hat,
erfüllt er jeden wunsch für sie:
für einen kuss von ihr fällt er auf’s knie.
doch – bald schon wendet sich das blatt,
er merkt, wie seine chancen schwinden.
die flamme will sich gar nicht binden.
so fällt er auf ‘ne neue rein –
der mann will doch betrogen sein.
(Dieses Gedicht ist aus meinem 1997 erschienen Gedichtband ‘Fünf Stationen Liebe’ entnommen. Es wurde in der Rubrik ‘ohne titel’ veröffentlicht.)
Arnoud de Kemp ist Niederländer, hat in Diensten des Springer Verlages gearbeitet, sich dann selbständig gemacht und organisiert neben seinem Beruf als Verleger die informare, eine Wissenschaftskonferenz in Berlin. Er prophezeit: das klassische Buch und das eBook werden noch länger in friedlicher Koexistenz leben. Aber: das eBook wird auf Dauer mehr Gewicht bekommen. Mehr dazu in diesem Interview:
Arnoud de Kemp ist Gast auf einem Panel, das der Wirtschaftsjournalist Gunnar Sohn und ich unter dem Titel “Obi Wan Kenobi und das Future Internet” moderieren. Eine Diskussion im Format einer Late-Night-Show.
Das Programm der informare im Cafe Moskau
Fotocredit: Arnoud de Kemp, privat.
1997 erschien im Verlag Aschenbrenner & Schott ein Buch mit Gedichten und Geschichten von mir. Geschrieben und manchmal gar regelrecht hingerotzt, einem Road-Movie gleich, notierte ich, übrigens überwiegend auf einem Psion Gedanken, Gedichte, Geschichten aus meiner damaligen Lebenserfahrung. Nicht alles von damals hat auch heute noch Bestand. Aber manches hat auch heute noch einen Wert für mich. Der Verlag existiert nicht mehr. Auch ich habe kein Exemplar dieses Buches. Beim Besuch einer Freundin habe ich noch ein Exemplar gefunden. Ich habe es mir ausgeliehen und eingescannt.
da rennt ein mensch durch die gegend – auf der suche nach einem anderen, der vielleicht zu ihm passen könnte.
so viele möglichkeiten gibt’s: in die kneipe, in das clublokal oder in den park.
so viele menschen, so viele gesichter, so viele eindrücke. den menschen verwirrt’s.
vor allem der gedanke, ob da irgendwo einer ist, der so fühlt wie ich.
der so denkt, der so lebt, der der topf zum deckel ist.
das ideale gegenstück, das es gar nicht zu geben scheint.
der mensche und seine wünsche.
wie soll ich ihn, den ich gar nicht kenne, erreichen? ihn verständigen davon, dass da einer ist, den es vielleicht lohnt, kennenzulernen?
ich, der ich spinner, träumer, phantast geheißen werde, der ich mich egomanisch benehmen kann und zufrieden bin, wenn ich um mich selbst kreise, in mir ruhe.
ich, der ich oft, zu oft, von meinen bekannten als arrogantes arschloch bezeichnet werde.
dabei befinde ich mich bei ihnen in bester gesellschaft: wir sind alle arrogant, tragen, wenn wir zusammenstehen und trinken, unser bestes gesicht zur schau. die maske, die nicht fallen, das aufgemalte lächeln, das nicht bröckeln darf.
kosmetische jugendstilfassade. und dann passierst du mir immer wieder – seit einem jahr immer wieder. und diesmal auch außerhalb der kneipe: mit dir nachts durch die von polizeistreifen durchsetzten straßen ziehen, eine pizza auf den stufen der klenze-apotheke verspeisend, dir von meinen ideen erzählend und jedes mal versiegend, wenn das gespräch auf dich kommt. weil ich angst habe, dich zu fragen, wenn deine dunklen augen mich durch deine brille anschauen, ein lächeln um deine lippen spielend, ich nicht wissend, was ich davon halten soll.
angst, dass die hoffnung, die ich hege, ein trugschluss sein könnte. dass das gefühl, das mich seit so langer zeit beschleicht, wenn ich dich sehe, eine sinnengaukelei sei. dieses vorsichtige herantasten an den punkt, ob meine gefühle von dir erwidert werden könnten: das ewige kokettieren mit der anruferei, wie du es nennst, – ja, du hast meine telefonnummer. das ewige tief stapeln. dieser haufen von missverständnissen, wenn ich mich mit jemand anders unterhalte – dieses aneinander geraten, wenn man doch wieder miteinander spricht.
dieses dastehen und vor-sich-hin-schweigen.
das unerträgliche gefühl, nicht weit genug gegangen zu sein.
das bange zagen, ob der letzte schritt nicht einer zu viel war. dieses verzweifelte suchen nach gemeinsamen themen, über die wir reden könnten.
mit jedem anderen kann ich über gott und die welt quatschen – bei dir versagt der moderator in mir.
ich will dir zuhören – ja, ich kanns, auch wenn es keiner glaubt. ich will das schweigen an deiner seite genießen. weil es eh das einzig wahre ist.
… und, weil ich dich mag.
lass mich lernen, dich zu lieben.
(Ich habe die Rechtschreibung behutsam angeglichen. Im Original erschien die Geschichte ohne Bilder und ohne Absätze. Road Movie eben. Wann immer ich Zeit und Lust habe, werde ich die eine oder andere Geschichte abtippen und hier einstellen.)