Das halbe Herz der GEMA

Welchen Wert hat Musik, welchen Wert hat kreatives Schaffen? Eine Frage, die nicht erst seit dem Auftreten der Piraten auf Beantwortung wartet. Das Urheberrecht in Deutschland bedarf einer Aktualisierung auf die Gegebenheiten. Das Leistungsschutzrecht verheißt neues Ungemach. Viele Kreative laufen Sturm dagegen. Sie würden de facto schlechter gestellt, die Verlage würden gewinnen. Durch Lizenzabgaben von Nachrichtenportalen und -aggregatoren wollen diese sicherstellen, dass ihre Verluste im Print kompensiert werden. Soweit der Stand der Dinge.

Bettina Müller, (noch) Leiterin Kommunikation und PR der GEMA

Nun legt auch die GEMA nach: Mit sechs Plakatmotiven will die Verwertungsgesellschaft für den Wert der Musik und die Interessen der Musikautoren sensibilisieren. In einer Pressemitteilung sagt Bettina Müller (GEMA): „In der Öffentlichkeit schwindet das Bewusstsein dafür, dass Musik einen Wert hat“. Die Image-Maßnahme leiste für die Interessen der Musikautoren einen wichtigen Dienst. Sie betone die Schutzwürdigkeit des schöpferischen Aktes und zeige den Menschen, dass es ihre persönlichen musikalischen Sternstunden ohne die kreativen Leistungen von Textdichtern und Komponisten nicht gäbe. Soweit die Pressemitteilung.

Die GEMA plakatiert in 14 großen Städten ihre Motive. Warum nur in großen Städten? Auch in kleineren Städten und Dörfern gibt es Musiknutzer. Die Plakate sollen das Image der GEMA aufpolieren. Ob das mit einer halbherzigen Kampagne gelingt? Ein paar ausgewählte Zeitschriften sollen mit Anzeigen bestückt werden. Das wars dann aber. Keine Fernseh- und Radiospots. Gerade im Radio würde sich die Kampagne gut machen. Da spielt nämlich die Musik! Man hätte ja auch mal bei ARD und ZDF, die mit der GEMA in der Deutschen Content Allianz sitzen, um eine Rabattierung nachfragen können.
Dafür fallen mir ein paar Dinge auf: Der 12. Mann ist zentral im Bild eine Frau. Und soviel hat Fußball mit Musik nicht zu tun, sieht man von den Hymnen der Vereine und der Pausenmusik ab. Fangesänge orientieren sich wohl eher am Volksgut.
Das klassische Musikrepertoire eines Kirchenchores besteht aus Gregorianischen Chorälen, Motetten und den ‘klassischen’ Kirchenkomponisten wie Bach, Schubert, Mozart … Alles Komponisten, die schon lange tot sind und wo man wegen der 70-Jahre-Frist keinen Kopf kriegen muss. Da bekommen vielleicht die Verlage und Bearbeiter noch Lizenzgebühren, das wars dann aber. Überhaupt Bearbeiter: Nicht Gegenstand der Kampagne.

Die GEMA will im Internet punkten. Mit einem Online-Wettbewerb „Das Konzert Deines Lebens“ können Musiknutzer ihren Lieblings-Musikmoment beschreiben und erklären, weshalb er ihnen etwas wert ist:

Zu gewinnen gibt es ein Konzert des persönlichen Lieblingsmusikers. Das Besondere an der Aktion: Der Gewinner darf selbst entscheiden, wo dieses Konzert stattfindet. Ob in der Stammkneipe, im örtlichen Sportverein oder auch im eigenen Wohnzimmer – auf diese Weise wird das Konzert für den Gewinner zweifellos zum „Konzert seines Lebens“. Mit dieser ungewöhnlichen Maßnahme macht die GEMA insbesondere junge Menschen darauf aufmerksam, dass auch die Musik, die ihnen etwas bedeutet, das Ergebnis eines oft mühsamen Schaffensprozesses ist. (Pressemitteilung der GEMA)

Zwei Sachen fallen mir auf: Eine echte Wahl habe ich nicht, mein Lieblingskünstler ist nicht darunter. Es stehen nur Konstantin Wecker, H-Blockx, Schiller und Moritz Eggert zur Auswahl.
Und: Ohne Not werden “insbesondere junge Menschen” gleich wieder in die Kriminalitäts-Ecke gestellt. Unrechtsbewußtsein erzeugen geht auch anders.

Schade, Chancen vergeben.

Mehr zum Thema Urheberrechte lesen sie auch bei meinem Kollegen Gunnar Sohn. Und hier seine komplette Kolumne für Service Insiders.

Eine Serie zu den Tarifen, Lizenzen und Gema-freier Musik findet sich hier.

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In der Kategorie Computer, Kommunikation, Musik am 12.04.12 um 17:12 Uhr veröffentlicht.
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