Drei Tage halten sich gut 20 Leute, die am Online-Lexikon „Wikipedia“ mitarbeiten, im Bayerischen Landtag auf. Ziel: Möglichst viele Abgeordnete fotografieren und neue Bilder für Wiki Commons zu bekommen.
Montagnachmittag sind sie aus ganz Deutschland angereist und haben Quartier in der Landeshauptstadt bezogen, sofern sie nicht einheimisch sind. Abends gab es ein Treffen im Landtag, wo die Listen abgeglichen wurden und bei einer guten Brotzeit über das Projekt gesprochen wurde.
Dienstagmorgen sind alle pünktlich im Landtag, von befreundeten Fotografen wird Zubehör wie Leinwände angeschleppt. Natürlich muss auch eine Internetverbindung geschaffen werden. Darum kümmert sich vor allem Michael Movchin. Er hat eine besondere Motivation:
Olaf Kosinsky leitet innerhalb der Wikipedia-Autoren das Projekt. Er will mit der Zeit alle Landtage in Deutschland aufsuchen. Der Bayerische Landtag ist der vierte, den die Wikis sich vornehmen. Besonders ist ihm ein Abgeordneter aus dem niedersächsischen Parlament in Erinnerung geblieben, der meinte:
Überall wird fleißig gewerkelt, 20 Leute haben recht viel zu tun, von der Betreuung der Abgeordneten während des Shootings bis hin zum Live-Editieren von deren Wikipediaeinträgen. Auch die Fotos werden sofort bearbeitet und hochgeladen.
Die anderen bauen Fotostände für die Porträts auf, richten die Blitzer ein, probieren beim Weißabgleich rum, beratschlagen, stellen wieder um. Im ehemaligen Senatssaal des Maximilianeums können sich die Parlamentarier, die es wollen, mit der Bayerischen Flagge fotografieren lassen. Um möglichst immer die gleiche Position beim Foto zu haben, werden Markierungen mit Gewebeband angebracht.
Die Fotos werden bei Wikipedia veröffentlicht und sind, weil unter einer Creativ-Commons-Lizenz stehend, für jedermann unentgeltlich nutzbar. Jan-Patrick Fischer aus Markt Schwaben steht geduldig zum Einleuchten Modell. Für ihn als Mitglied der CSU gibt es noch einen gewichtigen Grund, mitzumachen:
Gerd Seidel ist extra aus Fürth angereist, um mitzumachen. Mit seiner freundlichen und beruhigenden Art zerstreut er die Bedenken einzelner Abgeordneter, dass die Wikipedians auch kurz in den Fraktionen fotografieren wollen:
Um 13 Uhr wird der erste Landtagsabgeordnete fotografiert: Es ist der CSU-Politiker Herman Imhof.
Morgen wird Gerd Seidel dann in der Staatskanzlei fotografieren. Aug’ in Aug’ seinem Ministerpräsidenten gegenüber. Auch für Horst Seehofer wird die Wikipedia ein Gesicht bekommen.
Wer mich schon mal auf dem Weg zu einem Termin oder vor Ort gesehen hat, der weiß, dass ich einen großen Rucksack mit mir führe. Lange habe ich gesucht, mir bis dahin immer wieder mit Umpacken beholfen. Beim nächsten Termin gemerkt, dass ich was vergessen habe oder in den Tiefen des Rucksacks nicht gleich finde, was ich brauche. Deswegen musste ein eigenes Trageutensil her. Meine Wahl fiel auf einen Rucksack, den es vor ein paar Wochen bei dem Discounter mit dem großen „A“ für 29,99 Euro gab.
Zum Ausprobieren des Rucksacks habe ich mein Fotostativ mitgenommen,
weil das Hauptargument war, es solle ohne Querlegen rein passen. Die Rollen nutze ich recht selten. Die Ziehstange ist so lang ausfahrbar, dass mir ein bekannter Fotograf (knapp über zwei Meter Körpergröße) attestierte, sogar er könne damit umgehen. Für den Fall, dass man den Rucksack nicht auf dem Rücken tragen will, verstaut man die Tragegurte bequem und unsichtbar.
Im Hauptfach finden das Alu-Stativ, meine Kamera, ein großes Mikrofasertuch und im separaten Innenfach mein Netbook Platz. Damit sind die schwersten Teile schon mal nah am Körper.
Oben am Rucksack befindet sich ein kleines Fach, in dem ich bequem XLR-Kabel, Mobiltelefon und Taschentücher unterbringe.
Im größeren Mittelfach verstaue ich Stativplatte, Schwanenhals und Kurz-Stativ mit Mikrofon-Halterung. So bin ich auf Pressekonferenzen oder anderen Aufnahmesituationen, wo ich nicht direkt beim Sprechenden sein kann, gut aufgestellt. Praktisch: Wenn ich Zusatzteile mitnehmen will, ist hier auch immer noch genügend Platz. Mein Bonustipp: Plastiktüte. Schützt vor Spritzwasser.
Das kleinere Mittelfach beherbergt Skizzenbuch, Kalender, das Zoom H4n als Aufnahmegerät und einen Windschutz.
Im Vorderfach finden sich all die kleinen Utensilien, die ich beim Arbeiten brauche. Eine Dreifach-Steckdose und ein Adapter mit zwei USB-Steckplätzen. Ersteres ist im ICE von Vorteil, wenn die Steckdosen nicht ausreichen, zweiteres hilfreich, wenn man mehr als ein Gerät laden muss. Oder dem Sitznachbarn aushelfen will.
Daneben habe ich noch Ersatzakkus für H4n und Canon dabei, ein USB-Kabel (rot), ein Shure SM58 als Handmikro, eine Mikro-Halterung für das H4n und eine Infrarot-Fernbedienung für die Kamera.
Dazu noch ein Mikrofasertuch, das auch als Unterlage unter der Mikroplatte dient und Klopfgeräusche dämpft.
Besonders erwähnen möchte ich den Solar-Akku. Der ET3000 ist leistungsstark, er kann übrigens auch per USB aufgeladen werden, was ich meistens zu Hause mache. Spätestens, wenn man in den Rheinwiesen bei Köln hockt und der Akku des Mobiltelefons schwächelt, merkt man, wie praktisch der ET3000 ist. Einen iPod kann man damit eineinhalb Mal aufladen. Und selbst im Zug reicht die Sonnenstrahlung aus, um den Akku wieder nachzuladen. Zu diesem Akku gehört auch das schwarze USB-Kabel. Der kleine Anschluss kommt in den ET3000, das andere Ende gabelt sich in einen großen USB-Stecker und ein Adapterteil. Eine kleine Blechschachtel beherbergt alle möglichen Adapter, die man für verschiedene Geräte braucht.
Natürlich kann dieser Rucksack nicht mit der Ausrüstung von Richard Gutjahrs Kulturtasche mithalten. Ich habe viele spezifische Einzelteile, um breit aufgestellt zu sein. Mit dem Zoom H4n kann ich nicht nur Interviews führen, sondern auch Chor oder Orchester aufnehmen. Auf dem Netbook schneide ich, auch die Fotos werden da gespeichert und bearbeitet.
Wer den Rucksack mal sehen will: auf der #informare12 und beim #Jazzweekend in Regensburg habe ich den sicher dabei.
Joachim Gauck, designierter Bundespräsident, besuchte gestern die Wahlmänner und -frauen der CSU. Unspektakulärer Einzug, kein Defiliermarsch im Franz-Josef-Strauß-Saal der Hanns-Seidel-Stiftung. Blitzlichtgewitter der Presse, die anschließend von Ministerpräsident Seehofer aus dem Saal gebeten wurde. Das derzeit amtierende Staatsoberhaupt betonte den eher privaten Charakter der Veranstaltung. Joachim Gauck riss die Anwesenden mit, er begeisterte mit seinem unpräsidialen Stil.
Eine junge CSU-Frau twitterte neben mir und gab sogar offen zu, dass sie Gauck beim letzten Mal schon gewählt hätte, wenn sie gekonnt hätte. Aber dieses Mal scheint ja alles klar zu sein mit den Stimmen der Christsozialen für diesen “laizierten Pastor”, wie Gauck seinen Status selber präzisierte. CSU-Chef Seehofer begrüßte Gauck mit durchaus launigen Worten und wies ihn darauf hin, dass er demnächst viel Schreibarbeit habe. Er erlebe das bei seinen Tagen in Bellevue gerade am eigenen Leib.
Dann naht des ehemaligen Pastors große Stunde. Vor zwei Jahren in München hatten ihn die Abgeordneten der CSU im Landtag noch eher brüskiert, heute unterbricht ihn die Basis immer wieder mit heftigem Applaus in seiner Rede. Rede? Gauck gibt es selber nach gut 40 Minuten zu, dass er jetzt wohl besser aufhöre zu predigen. Und das, als er in einem großen Bogen von seinen Anfängen in der DRR bis hin zur Wiedervereinigung, die Alt-Kanzler Helmut Kohl vorangetrieben hatte, geendet hatte.
Nachfolgend ein paar Auszüge aus der Rede von Joachim Gauck:
“Als ich 2010 in der Kandidatenphase nach Themen suchte, dachte ich: Bloß nicht das, was Sie alle so gerne lesen: vom Angsthaben. Denn ich hatte mir die Angstwelle angeschaut: [...] BSE – ich war ganz stolz auf mich, ich konnte Rindfleisch kaufen beim Metzger in Berlin. Meine Enkelin sagte: BSE heißt ‘Bei Senioren egal’.” (Gelächter im Saal)
“Vorher habe ich immer über Ossi/Wessi gesprochen, [...] und da ging ich zu einem alten Thema von mir, zur Freiheit. Ich bin geboren in einem Land der Schande und Unfreiheit, im Deutschen Reich 1940. Ich war fünf, als dies zerbrach und kam in ein weiteres Land von Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit. [...] Ich konnte in all diesen Jahren die Freiheit nur in meiner Sehnsucht pflegen, aber nicht gestalterisch umsetzen in meinem Lebensalltag. [...] Wer sich lange gennug nach ihr sehnt, wird für die Freiheit immer einen besonderen Platz in seinem Herzen haben.”
Über Familie und Ehe: “Den Anfängen, das wissen sie sicher, wohnt immer ein Zauber inne. Dieser Zauber verliert sich, wenn die Freiheit erwachsen ist. Wenn sie jung ist, heißt sie Befreiung und sie ist schön, wie in einer jungen Beziehung das Hochzeitsfest einfach schön ist. Und dann kann es immer noch schön sein, aber dann heißt es Ehe.”
Als er nach der Wende in Bremen im eher linken und grünen Spektrum über die Freiheit sprach, so erzählt Joachim Gauck, nahm ihn ein Freund beiseite und meinte: “Das mit der Freiheit kommt bei uns nicht so gut, das ist bei uns die CSU.” (Großes Gelächter in der HSS)
“Für mich war CSU Franz Josef Strauß, ich hatte nicht so die intensive Beziehung zu ihm. Ich konnte ihn als politisches Kraftpaket von Ferne durchaus erkennen, aber es gab da doch einige Sachen, die dafür gesorgt haben, dass ich mich nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen ließ.”
Zu seinem Freund meinte er: “Ach, Freiheit ist kein Thema für Linke? Wie merkwürdig. Denn die Geschichte der Linken, jedenfalls der demokratischen Bewegungen in Europa ist eine Geschichte des Freiheitskampfes und der Freiheitssuche.”
“Bei mir war das mit dem christlichen Glauben nicht so doll. Und plötzlich weht mich aus irgendeinem Winkel meiner evangelischen Jugend ein Wort der heiligen Schrift an und plötzlich wird der Glaube in meinem Leben zu einer gestaltenden Kraft, die mir wichtiger wird als alles andere und dann gehe ich einen merkwürdigen Weg und werde Pfarrer.”
“… und deshalb hat die zentrale Rolle des Freiheitsbegriffes bei mir überhaupt nichts, aber nun wirklich gar nichts mit einer Abwendung von anderen Themen wie soziale Gerechtigkeit oder Bewahrung der Natur zu tun. Es sind eben andere Schwerpunkte, die ich gesetzt habe. Das Thema ‘Soziale Gerechtigkeit ist in Deutschland ganz gut besetzt.”
“Ich glaube, dass das Sinnangebot der Demokratie nicht heißen kann: Jedem möglichst viel und den Stärksten das Meiste. Das Sinnangebot einer Demokratie besteht darin, möglichst vielen Menschen bewusst zu machen, dass sie es sind, die diese Gesellschaft stärken.”
“Ich habe erlebt in langen Jahren, dass Angst kleine Augen und ein enges Herz macht. [...] Ich habe erlebt, was mit Menschen geschieht, die ihre Angst ablegen: [...] Sie können ihr die Herrschaft über ihr Handeln streitig machen.”
Soweit ein paar Auszüge aus der gestrigen Rede von Joachim Gauck.
Lesetipp: @Teresa_ohne_H hat einen schönen Blogpost aus der Sicht als Zuschauerin verfasst.
Nachbemerkung:
Mit Respekt nahm ich zur Kenntnis, dass Horst Seehofer die Presse aus dem Raum bat. Ich selber durfte als Begleiter eines geladenen Gastes sitzen bleiben, und habe mich beim Twittern zurückgehalten. Dennoch habe ich mich entschlossen, dass ich ein paar Sätze aus Joachim Gaucks Rede hier wiedergebe. Zum einen war ein Korrespondent des Deutschlandfunks in dieser Veranstaltung und hat einen treffenden Bericht abgegeben. Zum anderen ist es mir wichtig, ein paar Facetten unseres künftigen Bundespräsidenten zu zeigen, die mich davon überzeugt haben, dass Joachim Gauck das Potential hat, ein großartiger Bundespräsident mit einer guten Innenwirkung werden zu können.
Der Starkbieranstich in München, auch als ‘Nockherberg’ benannt (nach der Spielstätte), ist ein Kult-Ritual in Bayern. Walter Sedlmayr als Bruder Barnabas, später Bruno Jonas, Django Asül und Michael Lerchenberg lesen den Politikern die Leviten. Das übernimmt seit letztem Jahr Luise Kinseher als ‘Mama Bavaria’. Viel war in den zurückliegenden Wochen spekuliert worden, wie das Singspiel wohl dieses Jahr gestaltet werden würde. Dass Luise Kinseher in ihrer Salvatorrede weniger scharf werden würde, sickerte schon im Vorfeld durch, es war auch ein Wunsch der ausrichtenden Paulaner-Brauerei.
Die Zeiten ändern sich und auch wir uns mit ihnen. Das wussten schon die alten Lateiner. Besonders gut war das am diesjährigen Nockherberg zu sehen. In weiten Teilen war die Veranstaltung fad, Luise Kinseher fasste die Politiker mit extra samtigen Handschuhen an – als Stammseher ist man gerade von Django Asül und auch Michael Lerchenberg anderes gewohnt. Gut, Lerchenberg musste nach seiner Rede gehen, in der er Guido Westerwelle Lager-Überwachungsmentalitäten unterstellte. Das war sehr unglücklich. Leider.
Das Singspiel fand früher in einer aufwändigen Theaterkulisse statt- seit ein paar Jahren zollt man hier aber der Moderne Tribut. Letztes Jahr war es angelehnt an Casting-Shows. Dieses Jahr aber war es nur noch schlimm. Der Twitter-User @schreyegg fasste es kurz vor Ende der Ausstrahlung so zusammen: ‘Steril, billig produziert, lasch. Bühnenbild: nicht vorhanden. Auf diesen #Nockherberg kann Bayern verzichten.‘
Das Singspiel war wirklich nicht gut. Die Kulisse war eine Mischung zwischen “Starparade” und “Der große Preis” mit 70er Jahre-Charme. Der Austausch der Merkel-Darstellerin mag zwar ein musikalischer Gewinn gewesen sein, aber wenn man schon austauscht, dann wäre Maria Grund-Scholer erste Wahl gewesen. Sie beweist in Stimme und Gestus seit Jahren bei WDR und NDR, dass sie die Bundeskanzlerin besser drauf hat. Was ein Karl Theodor von und zu Guttenberg in diesem Jahr auf dem Nockherberg zu suchen hat, ist mir auch nicht ganz klar. Er ist nicht mehr aktiver Politiker, also kann man ihn getrost weglassen. Die Pausenclown-Nummern waren auch nicht wirklich lustig.
Die Bundespolitik spielte immer schon in den Nockherberg rein, das ist auch in Ordnung so. Es soll ja beileibe nicht eine bayerische Nabelschau sein und Bayern spielt eine gewichtige Rolle in Deutschland. Ich kann mich auch noch damit anfreunden, dass man Wilfried Kretschmann, dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg eine Rolle ins Spiel geschrieben hat. So richtig bissig war das schwarz-grüne Aufeinandertreffen dann aber auch nicht. Und den Text, den der Kretschmann-Darsteller sang, hat mich abgestoßen. Ein Jahr nach Fukushima auf der Bühne singen zu lassen, dass jemand dankbar ist, dass er wegen Fukushima ins Amt kam, ist hochnotpeinlich. Ich habe mich hingesetzt und den Anfang abgetippt. Bitte:
Fast mein halbes Leben / wartete ich brav
auf das große Beben, / das Fukushima traf.
Mein Handeln war von Anfang an / ganz darauf bedacht
dass eines Tages, irgendwann / ein Kernreaktor kracht.
Zum Glück war das weit weg von hier und die Wirkung war sehr gut
die Strahlung kam nicht bis zu mir, gegen Mappus stieg die Wut.
Ein Jahr ist Fukushima nun her, das Leid in Japan ist immer noch unendlich, gottlob hat die Politik wenigstens bei uns das Umdenken begonnen. Und dann geht man am Nockherberg hin und schreibt eine solche Nummer?
Mir fehlen die Worte. Wirklich.
Vielleicht wäre den Verantwortlichen geraten, einfach mal ein paar Jahre off zu gehen und uns Peinlichkeiten zu ersparen. Und einen solchen Text wie den oben zitierten.
Kein Ruhmesblatt.
Ein bairisches Drama.
Update vom 08.03.2012: Hier finden Sie übrigens einen schönen Live-Blog vom @stadtneurotikr und @Patschbella zu München 7 und dem Nockherberg, beide Sendungen wurden gestern abend teilweise parallel übertragen.